Ernährung

EINE GANZE TÜTE CHIPS

„Iss was du willst! Dein Körper weiß intuitiv, was er braucht und wann Schluss ist.“ Das ist die zentrale Botschaft an meine Seminarteilnehmer in meinem Kurs für achtsames Essen. Meist kommen von den Teilnehmenden daraufhin sofort Einwände. Sie befürchten: „Wenn ich einfach essen würde, was ich will, dann würde ich mich nur noch von Schokolade ernähren“, oder: „Dann würde ich jedes Mal eine ganze Tüte Chips essen.“

Diese Einwände sind berechtigt, denn viele Menschen machen die Erfahrung, dass sie beim Essen über die Stränge schlagen, wenn sie sich nicht aktiv disziplinieren. Wir haben gelernt, unseren impulsiven, unbewussten Ess-Entscheidungen nicht zu trauen, denn sie scheinen von unseren niedersten Gelüsten motiviert zu sein. So kann man verstehen, dass wir zunächst unserer Intuition beim Essen nicht vertrauen wollen. Schließlich ist Intuition auch ein wenig nachvollziehbarer Impuls aus unserem Unterbewussten.

 

MIT ACHTSAMKEIT UND INTUITION GELINGT DIE ERNÄHRUNGSUMSTELLUNG

Eingefahrene unbewusste Ess-Entscheidungen sind auch der Grund für das Scheitern einer Diät oder Ernährungsumstellung. Die rein mentale Entscheidung, gesünder zu essen, braucht ununterbrochene Aufmerksamkeit und Willenskraft. Schon beim kleinsten Nachlassen, stecken wir wieder im alten Trott. Seiner Intuition folgen zu lernen, braucht dagegen nur zu Anfang etwas Energie. Zudem stellen sich die positiven Effekte unmittelbar ein: Wenn ich z.B. aufhören kann Chips zu essen, wenn ich genug habe, ist mir danach nicht schlecht und ich bin frei von schlechtem Gewissen. Unsere Intuition speist sich aus den Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben. Je öfter wir einer ähnlichen Situation ausgesetzt sind, desto zutreffender ist unsere gefühlsmäßige Entscheidung. Bezogen auf das Essen könnte man sagen: Kaum eine andere Tätigkeit führen wir so oft und so regelmäßig aus, wie zu essen. Es sollten also mehr als genug Daten für unser Unterbewusstsein vorhanden sein, um zutreffende intuitive Ess-Entscheidungen zu treffen.

 

INTUITION KANN ÜBERLAGERT WERDEN

Dennoch machen wir immer wieder die Erfahrung, dass wir uns auf unser Gefühl nicht verlassen können. Das kommt daher, dass unsere Intuition auch gestört oder überlagert werden kann. Am häufigsten sind dafür Ängste, Prägungen und Gewohnheiten verantwortlich. Auch sie sind dazu da, unsere Entscheidungsprozesse zu vereinfachen. Viele Situationen in unserem Leben wiederholen sich so oder so ähnlich immer wieder. Wenn wir nicht jedes Mal neu entscheiden müssen, wie wir uns verhalten wollen, sparen wir Zeit, in der wir über Wichtigeres nachdenken können. Deshalb tendieren wir dazu, in den gleichen Situationen die gleichen Entscheidungen zu treffen. Dies geschieht oft ohne dass wir jemals überprüfen, ob diese Entscheidungen auch noch die beste Lösung für das vorliegende Problem darstellen. Daher kommt die Erfahrung, dass uns unsere unbewussten Entscheidungen nicht immer zum Ziel führen und wir uns z.B. überessen. Um zurück zur Intuition zu kommen, brauchen wir uns nur diese unbewussten Prozesse bewusst machen, sie hinterfragen und ggf. ändern.

 

DER „AUTOPILOT“ BEIM ESSEN

Für gewöhnlich essen wir nebenbei. Wir unterhalten uns, schauen fern, lesen, fahren Auto oder machen mit unserer Arbeit weiter. Das Essen läuft so ziemlich ohne unsere Aufmerksamkeit ab. Wann wir anfangen zu essen, wann wir aufhören, wie viel wir essen und was… das alles passiert ohne viel bewusste Entscheidung. Man nennt dies auch handeln auf „Autopilot“. Beim Essen hat der Autopilot den Nachteil, dass ich zum Beispiel nicht wahrnehmen kann, wann ich satt bin. Die Gefahr über mein natürliches Sättigungsgefühl hinaus zu essen ist dann sehr groß. Auch der Zugang zu meiner Intuition beim Essen wird mir versperrt. Ich habe keine Gelegenheit zu spüren, was ich brauche.

 

Achtsames Essen verbindet uns mit der Nahrung, die uns von der Natur, den Lebewesen und dem Kosmos geschenkt wird, und drückt unsere Dankbarkeit dafür aus. – THICH NHAT THAN

 

MIT ACHTSAMKEIT SPÜREN LERNEN

Achtsamkeits-Techniken sind genau dafür gemacht, um sich unbewusste Denk- und Entscheidungsprozesse bewusst zu machen und die eigenen Bedürfnisse besser spüren zu lernen. Achtsamkeit beim Essen zu üben ist recht einfach. Das einzige was wir dafür tun müssen, ist unsere Aufmerksamkeit ganz auf unser Essen zu richten. Wir verzichten dabei auf jede Ablenkung und bleiben mit allen Sinnen bei unserer Mahlzeit. Wir riechen bewusst und fühlen die Beschaffenheit und Konsistenz unseres Essens. Wir schmecken genau hin und spüren, wie hungrig oder satt wir sind. Wir essen so lange, wie es uns Genuss bereitet und hören auf, wenn wir genug haben.

 

SICH VOM APPETIT FÜHREN LASSEN

Am Ende meines Seminars stellen die meisten meiner Teilnehmer erstaunt fest, dass es ihnen plötzlich leicht fällt, weniger Süßes und Knabberzeug zu naschen. Nicht, weil sie sich besser disziplinieren, sondern weil sie wahrnehmen, dass sie nur eine gewisse Menge (oder auch nichts davon) wollen. Um zu verstehen, wie man dahin kommt, ist ein wenig Hintergrundwissen zum Entstehen unseres Appetits notwendig. Eine zentrale Rolle nimmt dabei der Darm ein. Er kann mit seinem Nervenzellensystem viele Informationen verarbeiten, man spricht deshalb auch vom „Bauchhirn“. Dieses steht in ständigem Austausch mit unserem Gehirn im Kopf und weiß daher zum einen, welche Nährstoffe gerade über die Nahrung hereinkommen und welche gerade benötigt werden. Daraus resultiert, worauf wir als nächstes Appetit haben. Haben wir Fleisch und Fett gegessen, möchten wir als nächstes lieber Kartoffeln oder Nudeln. Haben wir öfter hintereinander das Gleiche gegessen, wird es uns über, egal, wie sehr wir das Gericht mögen. Im Grunde können wir uns auf unseren Appetit blind verlassen, denn er sorgt im Normalfall dafür, dass wir ausgewogen essen. Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass wir auch wirklich zuhören, was unser Appetit uns sagen will.

 

DEN APPETIT KENNEN LERNEN

Wie vorher beschrieben, können uns Gewohnheiten und Konditionierungen Ess-Impulse geben, die mit unserem Bedarf gar nichts zu tun haben. Wenn ich zum Beispiel gewohnt bin, nach dem Mittagessen eine Nachspeise zu nehmen, kann es sein, dass ich denke, ich habe Appetit darauf. Oder wenn ich mich darauf konditioniert habe, bei Stress zu Süßem zu greifen, fühlt es sich vielleicht so an, als hätte ich große Lust darauf, während ich eigentlich gar nichts zu essen, sondern nur eine Pause bräuchte. Und umgekehrt kann es sein, dass wir uns einen schnellen Energieschub verweigern, den wir gerade bräuchten. Wir ignorieren unseren Hunger auf ein bestimmtes Lebensmittel, weil es uns „ungesund“ oder „unvernünftig“ erscheint. Die Konsequenz ist, dass sich dieser Hunger immer wieder meldet, so dass wir am Ende eine große Menge „Vernünftiges“ gegessen haben, anstatt gleich ein eine kleine Menge von dem, was wir vermeiden wollten.

 

MIT GENUSS INTUITIV ABNEHMEN

Der Vorteil, nach der eigenen Intuition zu essen, ist also, dass wir nicht zu viel von dem Essen, das wir nicht brauchen, aber zu jeder Zeit alles bekommen, was uns fehlt. In der Folge stabilisiert sich unser Gewicht und wir sind leistungsfähiger. Als Bonus geht intuitives Essen auch immer mit einer Steigerung des Genusses einher, denn wir dürfen jederzeit essen, was uns schmeckt und hören intuitiv auf, bevor es uns schadet. Genuss ist also der Schlüssel zum achtsamen, intuitiven Essen. Genuss geht nicht auf Autopilot. Wenn ich eine Speise mit allen Sinnen genießen will, muss ich den Fernseher oder den Computer ausmachen, mich hinsetzen und mich auf nichts anderes konzentrieren.

 

Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas streng und wenig genussvoll. Aber stellen Sie sich vor, wie gerne Sie sich so einen Moment für einen wirklichen Leckerbissen einrichten würden. Für eine teure handgemachte Praline, für ein Gourmet-Essen, für ein tolles Glas Wein. Das wäre doch einfach zu schade um es achtlos nebenbei zu verschlingen. Und jetzt stellen Sie sich vor, jede Ihrer Mahlzeiten wäre ein solches Erlebnis. Ob das so ist, liegt in Ihrer Hand. Jede Speise, jedes Getränk, jeder Geruch und jeder Geschmack, selbst was Sie sehen, hören und fühlen, kann entweder ein Genuss für Sie sein, oder eben nicht.

 

EINFACHE TECHNIKEN FÜR DEN ALLTAG

• Essen Sie ohne Ablenkung und ohne Zeitdruck.

• Setzen Sie sich beim Essen.

• Atmen Sie dreimal tief und bewusst, bevor Sie mit dem Essen beginnen.

• Legen Sie nach jedem Bissen das Besteck ab.

• Spüren Sie dem Bissen beim Schlucken nach, bis er im Magen ankommt.

• Essen Sie pro Tag eine Mahlzeit achtsam.

• Essen Sie jeweils den ersten Bissen jeder Mahlzeit achtsam.

DIE AUTORIN:
Dr. Julia Feind ist Ernährungswissenschaftlerin, Buchautorin, Referentin für Ernährungsthemen und Leiterin des Instituts für achtsames Essen.

LITERATUR ZUM THEMA:

„Anleitung zum Übergewicht: Wie Sie sich selbst das Leben schwermachen”, Dr. J. Feind, Systemed Verlag

Minus-1-Diät – Das Kochbuch: Leichter genießen mit der Achtsamkeitsformel, Südwest Verlag

Kontakt
Web: www.julia-feind.de
Email: