Hüterin der heiligen Plätze der Wüste

Autorin:
Sabera Neeltje Machat
sinai.heart-of-the-earth.com
TIT-Travel: 08071 - 2781
EO-Travel: 0221 - 912 8888


Literatur zum Thema

Hüterin der heiligen Plätze der Wüste

Seit fast zwanzig Jahren bin ich „hinter dem Mond“, in der Wüste Sinai, zuhause. Einen Tag bevor Anfang des Jahres die Revolution in Ägypten losging, war ich von dort nach Luxor an den Nil geflogen, um eine Woche an dem großen Fluss zu verbringen. Im Hotelzimmer gab es einen Fernseher, so dass ich mitbekam, was im Land los war. Davon hätte ich in der Wüste nichts erfahren! Es war „right time, right place“. Nun geriet ich in einen unvorhersehbaren Strudel. Ich konnte nicht mehr in den Sinai zurück - fliegen, weil die einheimischen Flieger für Flüge nach Kairo eingesetzt wurden. Die ausländischen Reisegesellschaften fingen an, ihre Gäste nach Europa auszufliegen. Es war eine Herausforderung, mich nicht von der Angst- und Panikwelle ergreifen zu lassen. Die Wüste hat mich im Laufe der Jahren dünnhäutig und offen werden lassen, so dass ich kaum unterscheiden konnte, was meine Gedanken und Gefühle waren und welche Gedanken und Gefühle „in der Luft“ hingen. Mit einem der letzten Touristentransporte konnte ich von Luxor nach Hurghada fahren. Dort blieb mir nichts anderes übrig, als ins winterliche Deutschland zu fliegen – barfuß in Sandalen, in einem Sommerkleid und mit zwei Badeanzügen, ein paar Tüchern und einem weiteren Kleid im Gepäck.

Als ich dann in Frankfurt am Flughafen stand, war ich einigen Gefahren ausgesetzt, die man, wenn man in dieser Welt zuhause ist, gar nicht mehr bemerkt: Ein neben mir stehender Mann verbreitete Wolken von Bakterien durch ausgiebiges Husten und Niesen. In mir tauchte der Gedanke auf, dass ich wohl aus Ägypten heil entkommen war, um jetzt von Viren und Bakterien erwischt zu werden. Ich musste schmunzeln. Kurz darauf saß ich bei Minusgraden auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug. Die nächste Gefahr: Lungenentzündung durch die eisige Kälte. Dann folgte die Fahrt im ICE mit 200 km/h. Normalerweise bin ich meistens im Kameltempo unterwegs! Der Zug in Richtung Eifel war voll mit angetrunkenen Jugendlichen. Die normale Welt war eine echte Herausforderung für mich! Gottseidank konnte ich bald in den Sinai zurückkehren!

Wieder in der Wüste angekommen, wache ich in der Nacht auf, als die Milchstraße hoch am Himmel steht. Es ist Neumond. Millionen Sternen über mir, Millionen Sandkörnern unter mir. So liege ich reglos da in der tiefen Stille und staune, eins mit Allem. Das einzige, was ich höre, ist der Ton der Erde, welcher mich während dieser siebzehn Tage und Nächte zuverlässig begleitet hat. Er ist in meine Körperzellen eingedrungen und hat auch diese wieder an ihre Ursprungsschwingung erinnert. Nacht um Nacht, Tag um Tag, bin ich mir wieder ein Stück näher gekommen, habe mich erinnert... die Odyssee der vergangenen Wochen wird so immer unwirklicher. Der Ton der Erde klingt wie der Nachhall von Kirchenglocken. Es ist eine Vibration, eine Schwingung. Nachdem ich diesen Ton einmal erkannt hatte, war es wie das Einstimmen auf einen Radiosender. Von dann an konnte ich ihn überall erkennen, sogar hinter dem Lärm einer Großstadt.

An diesem Sonntag, dem 1. Mai 2011, hat ein kraftvoller Sandsturm, der einige Tage und Nächte lang getobt hat, sich allmählich gelegt. Keine einzige Wolke ist mehr zu sehen, nur klarer, weiter, blauer Himmel. Endlos. Die Stille ist tiefer als zuvor. Nur der Erdenton ist – wie immer – da. Tiefste Entspannung, absoluter Frieden, totales, einfaches Sein. Mein Vertrauen in die Existenz ist wieder da! Und endlose Dankbarkeit darüber, dass ich wieder einmal mit einer kleinen Gruppe Menschen in der Wüste sein kann. Als ich aus Ägypten wegflog, wusste ich nicht, ob ich zurückkehren könnte. Nun haben die Reiseteilnehmer und ich 12 Tage und Nächte alleine – jeder für sich – an einem geschützten Platz tief in der Wüste verbracht. Jeder konnte auf eigene Art und Weise sich selbst begegnen und die Natürlichkeit der Elemente, die Stille, die Sterne und den weiten blauen Himmel auf sich wirken lassen. Ein Erleben ohne Worte.

Meditation geschieht von alleine, wenn sich die Gedanken, wie die Sandkörner nach dem Sturm, legen.

Diese Erfahrung einmal zu machen, ist eine Einweihung. Einmal hautnah zu spüren, dass jeder Sturm aufhört, jede Wolke vorbeizieht und sich auflöst und dass dahinter dieser endlose Himmel ist, bedeutet einen Generalschlüssel zu erhalten. Der Schüssel ist das Erleben der Elemente, nicht das Wissen um ihre Gesetzmäßigkeiten. In der Wüste wird alles sehr eindeutig, klar, fühlbar, sichtbar und pur. Ein Sprichwort der Beduinen drückt genau dies aus: „Als Gott die Erde erschaffen hatte, schaute er sie sich an. Alles, was ihm vom Wesentlichen ablenkte, nahm er heraus. So entstand die Wüste“.

In der Wüste passiert nichts. Und doch passiert so viel in dieser zeitlosen Zeit. Einer nach dem anderen verblassen die Sterne und Planeten, wenn in der Morgendämmerung das Licht auftaucht. Wie überall auf der Welt, nur mit dem Unterschied, dass man es hier miterlebt – mit allen Sinnen. Es dauert lange, bis die Strahlen der Sonne mich endlich berühren. Das ist ein heiliger Moment und ich habe mir angewöhnt, diesen Augenblick innezuhalten und wahrzunehmen. Bis dahin habe ich bereits mein erstes Feuerchen gemacht und einen kleinen Kaffee zubereitet. Der Geruch, die Wärme und das wohlige Knistern des Feuers heißen mich wieder willkommen nach der Dunkelheit der Nacht. Jeden Abend, wenn ich mich auf der Erde schlafen lege, wünsche ich mir, während der Nacht mehrmals aufzuwachen, damit ich die Bewegung der Sterne und Planeten und die Großartigkeit des Eingebettetseins in diesem großen Ganzen nicht verpasse! Der Mondzyklus ist unmittelbar erfahrbar. Ebenso die Bahn der Sonne über den Himmel und die Wirkung von Licht und Schatten. Wenn ich still und achtsam werde, bemerke ich, dass sogar ein Sandkorn einen Schatten hat. In der Wüste kann ich wieder offen und verletzlich sein und mein Herz berühren lassen. Denn, wie der „Kleine Prinz” schon sagte: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. Deshalb bleibe ich, solange ich kann, die Hüterin der heiligen Plätze der Wüste. Damit wir uns daran erinnern können, was es außer dem Wahnsinn der Welt noch gibt. Zum Wohle aller Beteiligten und weit darüber hinaus...