Das Advaita des Theaters

Autor: Leon d’Avigdor ist ein erwachter Bewusstseinslehrer, Energieheiler und Theatertherapeut.
Er studierte Philosophie und Psychologie, absolvierte eine Schauspielschule und war früher erfolgreicher Schauspieler.
Heute leitet er Gruppen im In- und Ausland und betreibt eine Counseling- und Heilpraxis in München.
www.praxis-avigdor.de

Das Advaita des Theaters

Rituelles Theater als Weg in die große Stille

Das Theater ist für die meisten Menschen ein Ort, an dem professionelle Schauspieler die Inszenierung eines Stücks durch einen Regisseur auf einer Bühne vor Publikum aufführen. Schauspielerei gilt als mehr oder minder gelungene Täuschung, denn schließlich ist die Bühnenhandlung ja nicht das „wahre Leben“. Diese Auffassung entspricht jedoch nicht dem, was Theaterkünstler, die ihre Kunst in einem gewissen Grad entwickelt haben, erfahren. Denn ein Schauspieler – ganz gleich, welcher Schule er angehört oder welche Technik er erlernt hat – kann stets nichts anderes verkörpern als sein einzigartiges Potential im Dialog mit Bedingungen und Erfahrungen, die durch das Stück vorgegeben werden. Je wahrhaftiger er sich darauf einlässt, desto mehr kann zum Ausdruck kommen, was alle Menschen betrifft und in ihrer Tiefe anspricht. So sind im Theater das Individuelle und das Universelle als Perspektiven der Wahrheit gleichermaßen verkörpert.

Auf Grund der weit verbreiteten Vorstellungen über Theater- und Schauspielkunst kann nicht erstaunen, dass bei dieser nur wenige an eine spirituelle Praxis denken. Dessen ungeachtet belegt bereits ein flüchtiger Blick auf die Geschichte des Theaters, dass dieses über sehr lange Zeit von spirituellen und religiösen As pek ten bestimmt war. In Europa trat die Funktion des Theaters als kollektive spirituelle Transformationspraxis letztlich erst durch das so genannte bürgerliche Theater in den Hintergrund. Dies änderte sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Regisseure und Theaterforscher wie Jerzy Grotowski und Peter Brook, die sich beide auf das Theater der Grausamkeit von Antonin Artaud bezogen.

Brook wurde zudem stark von der Lehre Gurdjieffs beeinflusst, der den Schauspieler häufig „als Metapher für den voll entwickelten Menschen“ verwendete, wie Brook es in seinem Beitrag für einen kleinen Essayband über Gurdjieff auf den Punkt bringt. Gurdjieff „spricht davon, es gelte, im Leben eine Rolle zu spielen ..., sie vollständig auf sich zu nehmen, ohne dabei die innere Freiheit zu verlieren“. Ein guter Schauspieler spielt also – ebenso wie der „voll entwickelte Mensch“ – seine Rollen mit ungebremster Intensität und Hingabe, ohne sie jemals mit seinem Selbst zu verwechseln. Je weniger er sich identifiziert, desto geringer wird der Widerstand, den er dem freien Fluss schöpferischer Energie entgegen setzt. Die Qualität eines Schauspielers zeigt sich also vor allem darin, in welchem Maße er Zeugenschaft ohne Identifikation mit der ungezähmten Kraft des Ausdrucks in Balance bringen kann.

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, den Weg meiner Person, zu der auch der Schauspielberuf gehörte, ins Spiel zu bringen. Als junger Schauspieler gab es diese als magisch empfundenen Momente auf der Theaterbühne, in denen der Körper sich von einer nicht identifizierbaren Kraft bewegt fühlte und Wach heit und Versenkung ohne Widerspruch waren. Dann gab es nur das Jetzt und die Erfahrung eines offenen, unbegrenzten Raumes. Die Bewegungen und Aktionen, vollkommen frei und zugleich schon immer so gewollt, beruhten auf einer Art Hin- und Herpendeln zwischen Hingabe und Willen, Geschehenlassen und Tun. In ihrem Zentrum konnte in diesen besonderen Momenten die große Stille erfahren werden, die nicht mit Schweigen zu verwechseln ist.

Nach einem solchen Theaterabend fühlte ich mich beglückt und leicht, wie eine Batterie geladen und zugleich sehr entspannt. Natürlich war dieser Zustand wie alle Zustände vorübergehend. Manchmal genügte schon das lange Warten aufs Bier nach der Vorstellung, um mich in eine andere Stimmung zu bringen. Immerhin trugen diese Erfahrungen dazu bei, schon früh keinen Unterschied zwischen Kunst im Allgemeinen und Theaterund Schauspielkunst im Besonderen und dem zu machen, was Spiritualität genannt wird. Auf dem spirituellen Weg, dem sich meine Person anvertraut hat, wurde Advaita von zentraler Bedeutung. Advaita (wörtlich übersetzt „Nicht-Zwei“) heißt, dass unser Wesen nicht die Dualität, sondern ihre Verneinung oder Abwesenheit, also totale Einheit ist. Im Advaita Vedanta, der Lehre von Advaita, wird das Leben oft mit einer Bühne verglichen, auf der die Akteure und Aktionen kommen und gehen, während die Bühne unverändert bleibt.

Es ist naheliegend, dass die Bühnenkünste es ermöglichen, dieses Verhältnis von Stille und Ausdruck, Zeitlosem und Zeitlichem direkt erfahrbar zu machen. Vor allem die Künste, die prinzipiell nur den Körper als ihr Instrument benötigen (Schauspiel, Tanz, Performance etc.), können aber auch in einer ganz anderen Hinsicht mit Advaita in Verbindung gebracht werden. Der Advaita-Meister Nisardatta Maharaj sagte einmal: „Du kannst nicht werden, was du bist, sondern nur loslassen, was du nicht bist. Du kannst aber auch nicht loslassen, was du nicht kennst“. Insbesondere die Improvisationstechniken der Theaterkünste ermöglichen durch spontanen und freien Ausdruck all dessen, was sich gerade jetzt zeigen will, das umfassende „Kennenlernen“ des persönlichen Dramas. Schauspiel fungiert dabei zugleich als Vergrößerungsglas und Verkleinerungslinse, wie Brook sagt. Zugleich aber kann unmittelbar erfahren werden, dass all diese Dramen nur ein, wenn auch ernstes, Spiel auf der Bühne des Lebens sind.

Natürlich ist es vor allem der Ausdrucksprozess, der für das große Potential der Theaterkünste als „advaitische Praxis“ – einer Praxis also, die auf die direkte Erfahrung totaler Einheit vorbereitet - von Bedeutung ist. Hierbei kommen Arbeitsweisen des Körpertheaters, insbesondere das Rituelle Theater zur Anwendung. Das Rituelle Theater ist als Gruppenimprovisation eine überpersönliche Spielform, die sich aus den spontanen, unmittelbaren Impulsen der Teilnehmer im „Hier und Jetzt“ entwickelt. Es erfordert lediglich die Bereitschaft, sich einzulassen, und keinerlei schauspielerische Erfahrung oder besondere Begabung. Das Rituelle Spiel ist ein sehr kraftvoller und zugleich spielerischer Prozess, der die Kontrollmechanismen des Egos zugleich sichtbar werden lässt und entmachtet. So öffnet sich der Raum für die Erfahrung ungezähmter schöpferischer Lebendigkeit, die an ihrem Höhepunkt in die große Stille fällt, die schon immer in ihr eingefaltet war.

Was Erwachen genannt wird, das Aufwachen aus dem Traum der Dualität also, bringt nicht die Auflösung oder Negation von Ausdruck, sondern seine Intensivierung mit sich. Denn es ist die Person, die dem freien Fluss des Ausdrucks von Bewusstsein im Wege steht. Es ist ihre Angst und die daraus resultierenden Konzepte, die den Ausdruck behindern. Doch die Überwindung oder Auflösung der Identifikation mit der Person kann durch die Person nicht erreicht werden – denn sie ist ja nichts weiter als diese Identifikation. Diese verschwindet, wenn sie erschöpft ist. Und sie kann nur erschöpft werden, indem all das, was sie ausmacht, vollkommen zum Ausdruck kommen konnte. Die Ängste, die Wut, die Enttäuschung, der Schmerz, die Sehnsucht, das Besitzenwollen. Die Arbeitsweisen der Theater- und Schauspielkunst, eingebettet in den Darshan mit einem erwachten Menschen, haben daher ein großes Potential als vorbereitende Praxis, die dem Erwachen stets vorausgeht.