Autor: Thomas Hübl

Autor: Thomas Hübl ist ein spiritueller Lehrer der heutigen Zeit, der mit kompromissloser Klarheit das Potenzial einer neuen „Wir“- Kultur aufdeckt. Er gründete 2008 die Academy of Inner Science. Seine internationalen Workshops, Trainings und Veranstaltungen führen Menschen in eine tiefere Ebene von Selbsterkenntnis und persönlicher Verantwortung. Sein Buch „Sharing the Presence“ ist 2009 im J. Kamphausen Verlag erschienen.
www.thomashuebl.com


CD zum Thema

"Dimensionen von Stress"
Die CD dokumentiert ein interessantes und aufschlussreiches Interview mit Thomas Hübl, in dem die einzelnen Aspekte und Dimensionen von Stress näher durchleuchtet werden. Oft ist Stress Ursache von Krankheiten und unbefriedigten Lebenssituationen. Aber was genau sind die Ursachen von Stress? Und inwieweit spielen unbewusste Anteile unseres Selbst dabei eine Rolle?
CD, 77 Min., 12 €, zu beziehen über den Media-Shop von www.thomashuebl.com

Ausgabe IIV/2010

Du bist gestresst in deinem Leben?

Dies ist eine Einladung zu einem neuen Entwicklungsschritt. Das ist nicht gegen dich, das ist für dich, für dein Leben.

In der Diskussion über Stress sind zwei Pole interessant, die die medizinischen und philosophischen Systeme schon seit Jahrtausenden beschreiben: Entspannung und Aktivität – repräsentiert durch unser parasympathisches und sympathisches Nervensystem. Es gibt Momente, in denen wir ruhig und in Stille sind, und es gibt Situationen, in denen wir handeln und aktiv sein müssen. Dabei können wir Stress empfinden, aber das kann auch gesunder Stress sein, der dazu dient, Anforderungen zu erfüllen oder die nächsten Schritte in unserer Entwicklung zu gehen. Die Frage ist, wie gehen wir mit Stress um, der uns mehr schadet als hilft? Was stresst uns wirklich? Was machen wir, wenn wir nicht „abschalten”, wenn wir nicht mehr den Ausgleich zwischen Aktivität und Entspannung herstellen können? Und welche Praxis hilft uns, in diesem schnellen, technologischen Zeitalter in der Balance zu bleiben?

Bewusstheit statt Burnout

Es braucht sehr bewusste Wege, um mit dem postmodernen Kommunikationszeitalter umzugehen, sonst gehen wir in der Informationsflut unter. Das Handy piepst, eine neue Email kommt, das Telefon läutet. Alles passiert gleichzeitig. Um wie viel hat sich die Geschwindigkeit in unserem Alltag allein in den letzten zwanzig Jahren erhöht? Wir hatten noch nicht die Chance, uns genetisch anzupassen. Und deswegen brauchen wir eine hohe Bewusstheit, um die vielen Einflüsse für uns nutzen können und keinen Burnout zu bekommen. In unserer schnelllebigen Welt sind viele Menschen in einem chronisch-latenten Stresszustand, merken es aber nicht. Erst wenn die Symptome nicht mehr zu übersehen sind, sagen sie „Ah, ich bin ja im Stress!“ Manche Krankheiten entstehen, weil der Körper konstant überaktiviert ist, und damit oft konstant übersäuert oder kontrahiert ist. Der Organismus kann sich nicht mehr entspannen, das System bleibt permanent hochgefahren.

Stress ist nicht gleich Stress

Es gibt einen kollektiven Stressfaktor, den wir alle gemeinsam kreieren und der wiederum auf jeden einzelnen wirkt. Einen systemischen Stressfaktor finden wir z.B. auf einer Intensivstation im Krankenhaus. Es geht um Leben und Tod, um schnelle und emotional schwierige Entscheidungen. Da hat das System schon an sich einen Stressfaktor und fordert vom Individuum eine höhere Fähigkeit, mit Stress umzugehen.

Individueller Stress wird dadurch ausgelöst, wie wir in der Welt sind, wie wir auf Herausforderungen eingehen und wie viele Anforderungen wir uns überhaupt in unser Leben holen. Wie verantwortlich gehen wir mit unserem Körper, unserer Ernährung, unseren Gefühlen, Gedanken und Handlungen um? Ich glaube, dass Stress meist dort entsteht, wo unbewusste Anteile unseres Selbst am Augenblick beteiligt sind, ohne dass wir erkennen, dass sie beteiligt sind.

Die Kunst der Kommunikation lernen

Wenn in einer Kommunikation etwas stattfindet, worüber du dir nicht bewusst bist, z.B. eine zwischenmenschliche Dynamik, dann kann in dir Stress entstehen. Du kannst nicht sagen, was genau gerade passiert, spürst aber die Effekte davon in deinem Körper, deinen Emotionen oder Gedanken. In den meisten Situationen gibt es einen kreativen Weg, mit der Gegebenheit umzugehen. Wenn du aber halb unbewusst in die Situation gehst, siehst du nur die Hälfte der Möglichkeiten. Du hast nicht dein ganzes Handlungs- und Intelligenzspektrum zur Verfügung und fühlst dich beengt. Eine Form von transparenter Kommunikation, also eine hohe Sensitivität, Achtsamkeit und Präsenz in der Kommunikation, würde den Stress für viele Menschen um einen signifikanten Teil senken. Gerade für diejenigen, die viel mit Menschen arbeiten, wie z. B. Mediziner, Therapeuten, Psychologen, Lehrer oder Leute in Führungspositionen, ist es unerlässlich, eine hohe Expertise in der Kommunikation zu haben. Wenn sie jeden Tag durch unbewusste Interaktionen Energie ‚verlieren‘, dann entsteht jeden Tag Stress.

Wie selbstverantwortlich bist Du?

Oft nehmen wir uns in einer Arbeitssituation viel vor und empfinden das dann als Stress. Wir sehen nicht, dass wir daran beteiligt sind, uns so viel vorzunehmen, und dass wir daran beteiligt sind, dass unser Leben so aussieht wie es aussieht. Es besteht die Tendenz, die Ursache für Stress ins Außen zu projizieren.

Meditation ist nicht nur klassisch im Lotussitz zu sitzen und ganz still zu sein. Du kannst in der Bushaltestelle, am Flughafen oder auf dem Weg zum Bäcker meditieren.

Manche Menschen sagen: „Das kommt durch meinen Chef, das sind die Arbeitsumstände…“ – Ja, und gleichzeitig hat es auch einen Grund, warum wir genau an diesem Arbeitsplatz sitzen. Wichtig ist, zu sehen, wie wir uns diese ganzen Stressfaktoren kokreieren. Wir können in unsere Selbstverantwortung gehen und uns fragen, was denn genau passiert, wenn wir Stress empfinden.

Der erste Schritt? Nicht machen, nichts denken

Zuerst einmal ist es schon hilfreich, sich in seinem gewohnten Tagesablauf nur fünf Minuten Zeit zu nehmen, um nichts zu machen. Einfach nur da zu sein und zu registrieren, was den ganzen Tag automatisch abläuft. Einen Raum zu schaffen, in dem die Gewohnheiten des Alltags entmachtet werden und wir uns für eine größere Perspektive öffnen können. Wenn wir mit dieser Perspektive auf unser Leben schauen, erkennen wir ganz neue Möglichkeiten.

Um andere Umgangsformen mit unserer Wirklichkeit zu erlernen, gibt es ja eine spirituelle Praxis. Wir brauchen eine höhere Form von Reflexion und Achtsamkeit. Durch eine gesunde Innenschau können wir auch sehen, dass gewisse Situationen an die Tür klopfen, um etwas Unbewusstes wieder in die Bewusstheit zu holen. In dem Moment empfinden wir das vielleicht als unangenehm oder ‚stressig‘, aber das ist etwas Gutes. Diese Stressoren sind für uns, damit wir lernen, einen klareren Umgang mit dem Leben zu finden, einen bewussteren Umgang. Wenn wir dem evolutionären Impuls folgen und uns weiter entwickeln, können wir mit diesen Stressoren auch anders sein. Und dieses Sein wird uns auf eine neue Stufe unserer ganzen Entwicklung heben. Das gilt für das Individuum, aber auch für uns als Kollektiv, weil wir alle Neues lernen müssen, um mit der Herausforderung und der Geschwindigkeit unserer Gesellschaft umzugehen. Es ist wichtig zu sehen: Da entsteht etwas Neues und ich brauche neue Werkzeuge für mein Leben und neue Lernschritte für mein Bewusstsein, um in gesunder Weise weiterleben zu können.

Die Praxis verändert Deine Wirklichkeit

Wenn unsere Körperempfindungen, unsere Emotionen und Gedanken in Einklang sind, sind wir ausgeglichen und fühlen uns ganz. Wenn wir diese Synchronisation verlieren, fühlen wir uns innerlich gespalten. Ein Zeichen von ungesundem Stress. Gerade in Berufen, in denen Menschen sehr gefordert und am Limit sind, braucht es eine gute Verankerung in der Basis. In Stresssituationen hilft uns am meisten ein „Grounding”, eine Verwurzelung, da wir im Stress oft unsere Energie nach oben ziehen und unseren Verstand überaktivieren. Es gibt ja ein reichhaltiges Angebot, sich über die Dynamiken im Leben klarer zu werden. Das fängt bei Sport, Yoga und Tai Chi an, geht über Meditation, Reflexionspraktiken, Psychotherapie, alle möglichen Selbsterfahrungsgruppen und vieles mehr. Wenn jemand etwas finden möchte, findet er das auch. Die Frage ist: Möchtest du das in deinem Leben auch wirklich praktizieren? Wenn ja, gibt es keine Ausreden. Du hast so viele Momente Zeit zu meditieren, auch wenn du beschäftigt bist. Meditation ist eben nicht nur klassisch im Lotussitz zu sitzen und ganz still zu sein. Du kannst in der Bushaltestelle, am Flughafen oder auf dem Weg zum Bäcker meditieren. Du kannst auch ein Business-Meeting zu deiner Meditation machen. Je wacher und bewusster du in jedem Augenblick bist, desto weniger Stress entsteht. Es ist tatsächlich so: Die Praxis verändert die Wirklichkeit.

Den Mut haben, es neu und anders zu machen

Was eine spirituelle Praxis oft behindert, sind die Gewohnheiten des Alltags. Eine halbe Stunde morgens früher aufstehen und meditieren? „Ah ja, aber das ist mir zu anstrengend. Ich hab jetzt meine Familie und den Job und dann möchte ich noch Freunde sehen und dann ist irgendwie keine Zeit zu meditieren.“ Wer so denkt, braucht sich nicht zu beschweren, dass sich nichts ändert. Es liegt in der Verantwortung des Individuums, eine Praxis in den Alltag einzuführen. Wir können natürlich auch in einer schläfrigen Kultur leben, in der sich viele Menschen über ihr Leben beschweren. Aber das wird den Status Quo nur noch mehr einzementieren. Das ist eine Krankheit unserer Zivilisation: sich über Dinge zu beschweren, weil wir nicht den Mut haben, es neu und anders zu machen. Ich glaube, es ist für viele Menschen notwendig, Zeit zu finden, um innezuhalten und sich dessen bewusst zu werden, was gerade in ihrem Leben abläuft. Dadurch entsteht wieder Raum zur Entspannung, zur Erkenntnis, zur Vertiefung und auch zur Entwicklung. Das sind die Werkzeuge einer wachen Kultur.