Autorin: Claudia Meißner

Das Aus für Pfefferminze & Co?

Eine neue EU-Richtlinie reglementiert den Verkauf von Heilpflanzen und Naturheilmitteln

Ab dem 30. April 2011 werden die Regelungen der 2004 verfassten EURichtlinie (EG 24/2004) zur Verwendung traditioneller und pflanzlicher medizinischer Produkte – „Traditional Herbal Medical Product Directive (THMPD)” – endgültig in Kraft treten. Dabei geht es darum, dass viele bisher frei verkäufliche Naturheilmittel, Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmittel aus der Volksheilkunde, die eine heilende Wirkung verzeichnen, nun zu medizinischen Produkten („traditionelle Pflanzenmedizin”) umdeklariert werden. Fortan müssen Heilkräuter und Pflanzenstoffe, die nicht als Lebensmittel gelten, in ganz Europa lizensiert sein und denselben Zertifizierungsprozess durchlaufen wie Arzneimittel. Ist das nicht der Fall, müssen sie vom Markt genommen werden.

Betroffen von dieser Regelung sind sehr wirksame Heilpflanzen aus der Volksheilkunde wie Johanniskraut, Echte Goldrute, Hirtentäschel, Malvenblüte, Beinwellkraut, Löwen zahnwurzeln, Birkenblätter, Weißdornbeeren, Spitzwegerich, Mariendistel, Echinacea, Ackerschachtelhalm und Frauenmantelkraut (nicht betroffen sind z.B. die Kamille, Lindenblüten- oder Brennesseltee).

Was beinhaltet nun dieses Gesetz, das als fiktiver Verbraucherschutz der scheinbaren Vereinfachung und Qualitätssicherung von Kräu terprodukten dienen soll – angeblich zum Wohle aller?

Nach der EU-Richtlinie sind nur drei Kategorien von Heilkräuterprodukten zugelassen: 1. Produkte, die eine Lizenz haben und nach medizinischen Kriterien geprüft wurden 2. Produkte, die als traditionell gelten und den oben genannten THMPD-Richtlinien entsprechen 3. Produkte, die nicht als Medizin oder Heilmittel angewandt werden

Als Beispiel sei hier die Pfefferminze genannt: Sie darf nach wie vor in Kräuterläden verkauft werden. Das ätherische Pfefferminzöl jedoch, welches durch ein Destillationsverfahren gewonnen wird, gilt nun als Arznei und ist somit nur noch in Apotheken oder Läden, die eine Zulassung zum Verkauf für Arzneimittel haben, erhältlich. Um gleichbleibende Qualität und Sicherheit zu gewährleisten, müssen sich die Hersteller von Kräuterprodukten nun an phar mazeutischen Kriterien orientieren („Good Manufacturing Practice”-Standards). Verlangt werden eine Herstellerlizenz, eine Großhändlerlizenz oder eine Importlizenz für Großhändler. Inhabern solcher Lizenzen muss eine qualifizierte Person (QP) zur Verfügung stehen. Biobauern oder Kräuterkundige dürfen bestimmte Kräuter nicht mehr verkaufen, denn sie bräuchten dafür eine pharmazeutische Ausbildung. Auch viele ehemalige Nahrungsergänzungsmittel müssen nun zu medizinischen Produkten umdeklariert werden, d.h. sie werden teurer werden und somit nicht mehr für alle erschwinglich sein.

Die Zulassung eines einzelnen (!) pflanzlichen Präparates in der EU kostet zwischen 95.000 und 135.000 Euro. Diese immens hohen Kosten, die durch die Anforderungen der nach dem THMPD-Gesetz notwendigen Daten entstehen – aufwändige Erstellung von Dossiers in Form von bibliographischen Angaben zu den Sicherheitsdaten sowie Expertengutachten – stellen für kleinere und mittelständische Unternehmen oder Einzelpersonen eine kaum zu überwindende Barriere dar, das heißt, viele von ihnen werden vom Markt verschwinden müssen. Diese Kosten können sich die wenigsten Unternehmen leisten, da die Gewinnmarge bei Kräuterprodukten viel zu gering ist. Davon profitieren werden somit in erster Linie die größeren Konzerne – wieder einmal.

Um eine Zulassung zu erhalten, muss die Wirksamkeit und die Sicherheit eines Naturheilmittels mindestens 30 Jahre lang dokumentiert sein, davon seit mindestens 15 Jahren innerhalb der EU – nachweisbar durch eine bibliografische Sicherheitsdatensammlung sowie einem Expertenbericht. Dies stellt eine enorme Diskriminierung und Einschränkung für traditionelle Kräuterzubereitungen aus aller Welt dar, z.B. für Produkte aus der TCM, der ayurvedischen, tibetischen oder schamanischen Medizin. Traditionelle Kräutermittel werden außerdem nur „gegen geringfügige Beschwerden” zugelassen, nicht bei ernsthaften Erkrankungen wie z.B. bei Krebs, chronischen Krankheiten, Herz-Kreislauferkrankungen, Infektionserkrankungen etc.

Man kann zusammenfassend sagen, dass diese Richtlinie das Aus für viele Naturheilund Nahrungsergänzungsmittel, die aus Kräutern zubereitet werden, bedeutet. Alternativmedizinische Behandlungen werden ebenso wie Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich der Anwendung von Heilkräutern sowie der Einsatz von Kräutern in Kombination mit Vitaminen oder Mineralien durch diese Reglementierung sehr stark eingeschränkt. Immer mehr preiswerte und wirksame Naturheilmittel werden vermutlich bald vom Markt verschwinden, eine Tendenz, die schon seit längerem zu beobachten ist. Zum Wohle der Allgemeinheit dient es daher nicht – hat womöglich wieder einmal die Pharmalobby zugeschlagen und Weichen für Monopolstellungen gestellt? Ist es vielleicht wahr, dass hinter der Europäischen Kommission vor allem Lobbyisten aus Pharma- und Chemiekonzernen stehen, die in erster Linie daran interessiert sind, das Geschäft mit der Krankheit zu erhalten, wie der Arzt Dr. Gottfried Lange vermutet1? Nachdem das Wissen und die Anwendung von Heilkräutern immer populärer wird – laut einer Umfrage bevorzugen 80 % der deutschen Bevölkerung Naturheilverfahren – sieht es so aus, als ob die Pharmaindustrie versucht, diesen Markt unter ihre Kontrolle zu bringen. Diese für Naturprodukte völlig überzogenen Anforderungen richten sich gegen unser a l ler Grundrechte auf die Freiheit der Erhaltung der Gesundheit und gegen unsere freie Behandlungswahl zur Gesundung und Heilung. Geschieht dies aufgrund der Profitgier einiger weniger? Und wird die sanfte Heilung durch die Natur auf diese Weise nur denen vorbehalten bleiben, die es sich leisten können?

Was können wir tun?

1) www.alpenparlament.tv/playlist/357-die-wahren-hintergruende- zur-eu-richtlinie-thmpd22. Dezember 2010 | Dr. Gottfried Lange |