Freie Begegnung mit Eseln und Pferden

DIE AUTORIN Uli Jonas ist Heilpraktikerin und bietet Therapie, Coaching und Führungskräfte-Trainings mit Pferden sowie Eselwanderungen an. www.praxis-ulijonas.de

Freie Begegnung mit Eseln und Pferden

In der Begegnung mit Tieren liegt eine Kraft, die das eigene Wesen tief im Inneren stärkt. Diese Kraft kann sich entfalten, wenn der Umgang von Respekt, Achtsamkeit und Freiwilligkeit geprägt ist. Da Pferde und Esel ihrem Wesen nach ganz verschieden sind, vermitteln sie im Kontakt unterschiedliche Qualitäten und Schwerpunkte. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie wunderbare Wegbegleiter sind auf der Reise zu inneren Orten der Freiheit und Stärke.

DAS WESEN DER PFERDE

Pferde sind nicht nur kraftvoll und anmutig, sondern besitzen als Herdentiere eine sehr feine Wahrnehmung für Körpersprache. Die Sicherheit, die ein Pferd in der Rangordnung findet, wird über die unterschiedlichsten Zeichen und Signale gewährleistet, mit der sie sich untereinander verständigen und ihre sozialen Kontakte gestalten. Beispielsweise fordert ein Pferd ein befreundetes anderes Pferd mit völlig anderen Signalen zur gemeinsamen Fellpflege auf, als wie es dieses Pferd von der gemeinsamen Tränke vertreiben würde. Auch bei Menschen ist der größte Teil der Kommunikation nonverbal – nur ha ben wir unsere Wahrnehmung nicht so verfeinert wie die Pferde. Als Fluchttiere hängt ihr Überleben davon ab, dass sie schnell und sehr differenziert die körperlichen Anspannungen des Gegenübers wahrnehmen und darauf reagieren. In der gemeinsamen Arbeit mit Pferden erlernen die Kursteilnehmer deswegen nicht nur die Sprache der Pferde, sondern insbesondere auch die verschiedenen Grade der Bestimmtheit, mit der man in der entsprechenden Situation kommuniziert.

Auf dem Eckhof in Kleinberghofen leben die Pferde in einem stabilen Herdenverband in Offenstallhaltung. So können alle Pferde selber entscheiden, ob sie nach Drinnen oder Draußen wollen, ob sie gerade liegen, fressen oder auf der Koppel toben wollen. In der großen Her de sind Stuten und Wallache gemischt, ebenso wie Jung und Alt. Durch die klare Rangordnung und das jahrelange Zusammenleben findet jedes Pferd seine Ruhe und Sicherheit. Dadurch sind sie sehr offen und aufgeschlossen für das gemeinsame Lernen mit uns Menschen.

DIE KRAFT DES AUGENBLICKS

Tiere leben ganz natürlich im Augenblick und sind uns sorgengeplagten Menschen deshalb ein gutes Stück voraus. Sie reagieren ganz unmittelbar auf das, was gerade ist – für sie ist es nicht wichtig, was dieser Mensch alles erlebt hat, sondern nur, wie er sich in diesem Augenblick fühlt. Darauf reagieren die Pferde einfühlsam und authentisch, manchmal auch unverblümt ehrlich. Niemals aber wertend und verurteilend. Oft haben sie auch ziemlich phantasievolle Ideen, den Mensch wieder in den Augenblick zurückzuholen. Ein geschützer Raum ermöglicht es, dass Mensch und Pferd sich frei begegnen können. Dazu leite ich von Anfang an zu einem achtsamen Umgang mit sich und dem Pferd an. Nach einer Themenklärung und dem Kennenlernen findet dann die eigentliche Begegnung statt. Hier kann der Mensch so sein, wie er sich gerade fühlt, ohne wertende Betrachtung, denn die Tiere sind tatsächlich vorurteilsfrei in ihrer Wahrnehmung. Sie lesen unseren Muskeltonus sehr differenziert und können deswegen auch frühzeitig feststellen, wenn wir uns innerlich anspannen (z.B. weil wir gerade in die Welt der alten Glaubenssätze, Erinnerungen oder Sorgen geraten sind). So spüren sie ge nau, wenn ein Teilnehmer gerade weder in der Gegenwart noch in seiner Kraft ist und ihre natürliche Reaktion darauf ist: erst mal stehen bleiben. Somit öffnet sich Zeit und Raum, um zu erkennen, was überhaupt los ist. Diesen Spiegel der Pferde nutze ich zu einem gemeinsamen Gespräch mit dem Teilnehmer. Wir erforschen zusammen neue Möglichkeiten, die zu einer guten inneren Haltung führen können. Die Bewegungen zwischen Mensch und Pferd werden dann wieder frei und fließend, wenn die neue innere Haltung sich auch in der äußeren widerspiegelt. Pferde sind in ihrer Antwort völlig unbestechlich – entweder es passt oder es passt eben noch nicht.

SYNCHRONISATION VON KÖRPER, SEELE UND GEIST

Pferde ermöglichen es uns auf ihre unnachahmliche Art und Weise, tiefgreifend und schnell zu lernen und neue heilsame Muster im Alltag umzusetzen. Es gibt kein schöneres Erfolgserlebnis, als wenn aus der Stagnation heraus wieder eine unbeschwerte und harmonische Bewegung möglich wird. Die Freude über das Gelingen zeigt sich auf allen Ebenen gleichzeitig. Diese positiven Gefühle verstärken die Verankerung des Neuerlernten und in belastenden Situationen kann man die sen „Pferdeanker“ jederzeit wieder aktivieren.

ESEL-WANDERUNGEN

Seit einem Jahr bereichern nun auch drei Esel diese gemeinsame Arbeit. Vieles des bisher Geschriebenen trifft sowohl auf Pferde als auch auf die Esel zu. Hinzu kommen jedoch weitere Facetten, die sich aus dem Wesen der Esel ergeben. Sie leben in einem sehr lockeren Herdenverband und haben keine klare Rangordnung. Deswegen trifft jeder Esel seine eigene Entscheidung und nimmt sich auch genügend Zeit dafür. Nach außen erscheint er dann als stur, weil er nicht weitergehen möchte – er will und muss sich aber erst selbständig ein Urteil darüber bilden, ob dieser Weg hier gefährlich ist oder nicht. Als Gebirgstier ist es für ihn überlebensnotwendig, keinen falschen Schritt zu tun und nicht in wilde Flucht zu verfallen, sondern ruhig und gelassen zu bleiben. Neben der tiefen Freundlichkeit im Umgang ist diese Gelassenheit und Ruhe das herausragende Merkmal der Esel – ganz automatisch wird man selber ruhiger und beginnt sich auf eine wohltuende Langsamkeit einzustellen. Was auch immer über Entschleunigung geschrieben wurde – die Esel haben dieses Prinzip perfektioniert. Gleichzeitig haben wir aber auf den Eselwanderungen ein angenehmes Tempo. In den Pausen findet sich auch immer genügend Zeit, um seinen Esel ausgiebig zu streicheln und vor allem die langen Eselohren zu kraulen.