Schamane wird man nicht freiwillig

Autorin: Ravena Wolf lebt in Deutschland und arbeite seit über 20 Jahren in der Medienbranche. Bis der Lie bes kum mer sie nach einer Trennung fast aus der Bahn warf, war Schamanismus für sie nie ein Thema. Der erste Kontakt mit Krafttieren und geistigen Wesen war für sie erschreckend. Doch je mehr sie sich auf die neuen Erfahrungen einließ, desto mehr wurden diese für sie zur Kraftquelle. Heute sind schamanische Reisen und Rituale ein fester Bestandteil ihres Alltags. Auf ihrer Website www.ravena-wolf.com finden sich neben einer Leseprobe der „Weißen Rabin“ auch Gedichte, Kurzgeschichten, Fotos, Bilder und Skulpturen, die das Unsagbare erahnbar werden lassen.


Literatur zum Thema

Schamane wird man nicht freiwillig

„Unter uns, die wir eingesperrt sind in den dunklen und engen Käfig, den wir uns selbst gebaut haben und den wir für die Gesamtheit des Universums halten, gibt es nur wenige, die sich auch nur vorstellen können, dass es eine andere Dimension der Wirklichkeit gibt.“ SOGYAL RINPOCHE

Genau zu denen gehörte auch ich: Eine gestandene Frau – zufrieden in der Mitte des Lebens und der Gesellschaft stehend, die keinen Gedanken an esoterische Spinnereien verschwendete. Doch dann scheiterte die sicher geglaubte Beziehung, und plötzlich war nichts mehr wie zuvor. In dieser existentiellen Krise wurde die Begegnung mit einem finnischen Wolf zur Initiation. Sie markierte den Beginn einer Reise durch Raum und Zeit, die immer noch andauert und meinen Horizont unendlich erweitert hat. Meine Sicherheit speist sich nun aus ganz anderen Quellen und lässt mich zu tiefem, inneren Frieden finden mit allem was ist.

Schamane wird man nicht freiwillig. Das wissen die Menschen jener Kulturen, in denen der Schamanismus noch lebendig ist. Es würde auch kaum jemand freiwillig werden, der weiß, wie sehr man als Schamane geprüft und gebeutelt wird. Die, die es trifft, werden geholt. Besonders fruchtbare Momente hierfür sind Zeiten von Krisen und Lebensübergänge. Da weiß man sowieso nicht, wie es weitergehen soll und ist für jede Anregung dankbar und offen. Im vertrauten Trott alltäglicher Handlungen, Gedanken und Gefühle und durchschnittlicher Zufriedenheit, hat die geistige Welt kaum eine Chance, zu uns durchzudringen. Wir wissen ja eh schon, wie es weitergeht: Genau so wie immer. Das glauben wir zumindest…

Die geistige Welt ist in uns und um uns. Immer. Sie ist so real wie unsere Alltagswelt und so plastisch wahrnehmbar wie ein Traum in der Nacht. Wir sind nur mal mehr und mal weniger offen dafür: weniger in Zeiten durchschnittlicher Zufriedenheit und mehr in Zeiten von Krise und Umbruch. Es gibt auch äußere Faktoren, die den Vorhang zwischen unserer Alltagswelt und der geistigen Welt dichter oder durchlässiger werden lassen. Die Raunächte zum Beispiel, die Tage zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, sind so eine „dünnhäutige“ Zeit, in der auch wir dünnhäutiger, verletzlicher sind, aber eben auch offener. Und es gibt Kulturen, die diese besondere Durchlässigkeit eher begünstigen als unsere rational geprägte Kultur. Nun hat jede Kultur ihre besondere Aufgabe in der Welt, genauso wie jede Jahreszeit. Es gibt da kein Besser oder Schlechter, nur jeweils einen eigenen Zugang und Schlüssel. Genauso wie es keine besseren oder schlechteren schamanischen Traditionen gibt. Ethnologen erstaunt immer wieder, wie sehr sich die schamanischen Anschauungen und Rituale rund um den Erdball gleichen. Wahrscheinlich, weil die Natur zum Schamanen spricht, und es nicht darauf ankommt, ob durch Akazie, Krüppelkiefer oder Kaktus. Entscheidend ist, welche Resonanz zwischen dem Baum und dem Menschen entsteht, ob der Mensch diese wahrnehmen und für sich etwas daraus ziehen kann.

Der „Medizingang”...

Die einfachste Art, mit der geistigen Welt in Kontakt zu treten, ist ein Spaziergang in der Natur. Natürlich keiner, bei dem zwei Menschen nebeneinander laufen und ihren Alltag verhandeln und die Steine im besten Fall noch als Stolperfallen wahrnehmen. Sondern eine kleine Wanderung, die das Wundern zum Ziel hat; eine „Wunderung”. Die Alten nennen das „medicine walk“ („Medizingang“), und das funktioniert so: Ich gehe mit einer gezielten Frage hinaus, auf die ich eine Antwort suche. Zum Zeichen, dass ich es ernst meine (und zum Markieren des Ritual-Beginns), lege ich mir eine Schwelle, z.B. einen Ast, quer über den Weg, die ich bewusst überschreite. So verbinde ich mich symbolisch mit der geistigen Welt. Von dem Moment an, in dem ich die Schwelle überschreite, bin ich mit allem um mich herum verbunden. Vor allem aber bin ich ab diesem Moment mit der Antwort verbunden, die schon in mir schlummert und darauf wartet ans Licht zu dürfen. Von nun an ist alles, was ich beobachte, höre, rieche, schmecke, taste, Antwort auf meine Frage. Der Ruf des Kuckucks, das weiche, duftende Moos, der abgestorbene Baum, auf dem schon wieder ein neuer Baum zu wachsen beginnt... Manche Antworten werden mir gefallen, andere weniger. Ich versuche, das nicht zu bewerten. Deutungen liefert mir mein Verstand dagegen ungefragt und vollautomatisch. Ich habe mich nicht nur damit abgefunden, dass mein Gehirn immer aktiv ist, ich lade es inzwischen geradezu ein, zu deuten und immer neue Verknüpfungen herzustellen. Es ist wie ein Spiel. Der Verstand darf dabei alles – außer werten. Was ich mir von seinen Deutungen zu Herzen nehme, entscheidet aber nicht er, sondern eben das Herz, das mir sofort über Herzklopfen oder Ziehen zu verstehen gibt, ob es mit der Deutung einverstanden ist oder nicht. Die Wahrnehmung geht also immer zugleich nach außen und nach innen, zu meinen Körperreaktionen. Dabei wird meiner Erfahrung nach die Trennlinie zwischen Innen und Außen immer unschärfer. Es findet eine Verschmelzung mit meiner Umgebung statt, die mich liebevoll spiegelt. „Liebevoll“ ist natürlich schon wieder eine Deutung, ja sogar eine Wertung, aber so empfinde ich es eben; als Liebe-voll. In Wahrheit ist diese Spiegelung wahrscheinlich völlig neutral. Wenn ich auf dem Rückweg wieder die Schwelle übertrete, ist das Ritual damit beendet und ich kann meine Schätze heimtragen, aufschreiben, in die Tat umsetzen oder einfach wirken lassen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werde ich sie nachts in meinen Träumen weiterverarbeiten.

Die Natur ist das wesentliche „Gegenüber“ im Schamanismus. Einfach weil sie die unmittelbare, vertraute Umgebung der ersten Schamanen war. Es spricht in unserer Kultur jedoch nichts dagegen, Stadt-Wunderungen zu unternehmen oder seine Frage in einen schönen Buchladen zu tragen. Ist die Schwelle zum Lesetempel einmal überschritten, ist alles, was ich darin wahr-nehme eine Antwort auf meine Frage und ich finde vielleicht genau das Buch, das die Weisheit enthält, die ich jetzt gerade brauche. Vielleicht nehme ich dann das Buch (an der Kasse vorbei, denn das Zahlen ist Teil des Rituals) sogar mit über die magische Schwelle…

Der „Medizingang“ ist der kleine Bruder der „Visionssuche“. Hier geht es – angeleitet und betreut – für einige Tage und Nächte hinaus in die Natur, nur mit Schlafsack und Isomatte, ohne Zelt und ohne Essen. Damit lassen sich auch härtere Panzer knacken, für die es sonst eine handfeste Krise bräuchte, um die durchschnittliche Zufriedenheit zu durchdringen. Bei mir war die Krise notwendig, sonst wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, mich mit Schamanismus zu beschäftigen, geschweige denn mich auf Visionssuche in die Sahara zu begeben.

Die weiße Rabin

Seitdem hat sich mein Leben verändert; ganz subtil nach Außen und ganz tiefgreifend nach Innen. Diesen Prozess beschreibe ich in meinem Erfahrungsbericht „Die weiße Rabin“, in dem es teils sehr exotisch und extrem zugeht (denn Schamane wird man, wie gesagt, nicht freiwillig, und auch nicht ohne zu leiden), in dem aber auch die Übertragbarkeit auf den Alltag in unserer Kultur nicht zu kurz kommt. Was unbeschreiblich bleibt, ist die Zärtlichkeit der geistigen Wesen, die mich umgeben und die immer für mich da sind. Dafür wäre jedes Wort der Beschreibung nur ein hilfloser Versuch. Dafür gibt es nur die Poesie...