Leben – Wie geht das?

Autorin: Mag. Helena Krivan ist Tantralehrerin, Aufstellungs- und Ausbildungsleiterin, Dipl. Sexualpädagogin, ausgebildete Lebensberaterin, praktizierende Buddhistin und Expertin für Beziehungsfragen in eigener Praxis. Gemeinsam mit Amrit R. Fuchs leitet sie seit 18 Jahren das größte österreichische Tantra-Institut mit Veranstaltungen in Österreich und Bayern, das Institut Namasté – www.tantra.at

Leben – Wie geht das?

Wenn wir ins Leben losstarten, so zwischen sieben und siebzehn, ist uns alles sonnenklar: Wir sind die Abenteurer der verheißungsvollen Meere und keiner braucht uns zu erzählen, wie man Drachen tötet, Königreiche erobert oder einen Märchenprinzen findet. Und auch nicht, wie man mit all dem sowie einem Traumjob, Haus und Garten und Wunschkindern schlicht und problemfrei glücklich wird – das wissen wir nämlich selber sehr genau und außerdem, wenn wir jemals einen Tipp brauchen sollten, dann gibt es ja das Internet.

Wenn wir aus dieser magisch-siegessicheren Lebensphase raus sind, hat uns das Leben schon ein bisschen gezaust und wir wissen, wie sich ein gebrochenes Herz, enttäuschte Hoffnungen und so Dinge wie Unverstandensein, Versagen und Verrat anfühlen. Aber das kann uns nichts anhaben, denn wir wissen ja, wie’s geht, das mit dem Leben, oder genauer – wie es gehen muss. Und nur weil’s mal schiefgelaufen ist (oder zwei Mal oder zwanzig Mal) lassen wir uns eben dieses Le ben nicht verdrießen.

Es sollte nur bitt’schön langsam anfangen zu funktionieren wie vorgesehen, wir haben schließlich das richtige Rezept! Oder –? Na also! So stürzen wir uns in die nächste Runde. Und falls wir jemals einen Tipp brauchen, sind da ja noch die vielen Ratgeber- Bücher und das Internet – da findet sich immer der kluge Satz zum richtigen Moment.

Dann – irgendwann – holt das Leben mal so richtig aus und trifft uns punktgenau dort, wo’s zum Aufjaulen ist. Vielleicht stirbt uns zum ersten Mal jemand weg. Oder der beste Freund zieht gegen uns vor Gericht. Oder wir treten uns eine Krankheit ein, die unser Leben ab jetzt bestimmen wird... Kurz – wir werden dort fallengelassen, wo wir mit blanken Kinderaugen ans Einfache, Gute und Wahre geglaubt haben. Selbsterfahrungsbücher sind mit solchen Kalibern hoffnungslos überfordert und selbst verzweifeltes Surfen durch Unmengen cleverer Webpages bringt uns auf keinen grünen Zweig: Die quälende Frage „Was hab ich bloß falsch gemacht?” und „Wie um alles in der Welt soll es jetzt weitergehen?” bleibt unbeantwortet.

In dieser Lage wenden sich viele an leibhaftige Ratgeber und suchen sich eine/n Therapeuten/ In. Weil: Die kennt sich mit sowas aus, ist ja schließlich ihr Job, und außerdem – für das Geld muss sie doch wohl in Nullkommanix mit einer Super-Lösung rausrücken! Doch leider, leider… Schon wieder wird der Kinderglaube ent-täuscht: Solltest du nämlich eine/n gute/n BeraterIn erwischt haben, wird er sich hüten, dir irgendwelche Rezepte zum Schnell-mal-Nachkochen auszuhändigen. Des Weiteren wird er sich weigern, dich beim Händchen zu nehmen und den Behördenmarathon wegen deiner Insolvenz zu managen, dich beim Wettern gegen deinen Ex zu unterstützen, deine Einsamkeit mitfühlend mittels gemeinsamer Freizeitgestaltung zu bekämpfen oder Ähnliches.

Zu diesem Zeitpunkt mag dein Unmut einen neuen Höchststand erreicht haben: Was soll das! Schon wieder kein Patentrezept? Wieso verweigert mir das Leben eine Anleitung – ich will es doch nur richtig machen! Und du packst deinen Therapeuten / deine Mutter / deinen besten Freund etc. an der Gurgel und versuchst, eine brauchbare Lösung aus ihnen herauszuschütteln. Vergeblich. Es ist nämlich so (und es sei hiermit ein großes Geheimnis verraten): Keiner weiß, wie Leben geht. Echt nicht. Jeder, der etwas anderes behauptet, flunkert. Deshalb kann dir auch keiner sagen, wie du tun sollst. Es ist schlichtweg nicht möglich. Die ganze Zeit – ja genau, bis eben jetzt, bist du bereitwillig in die große Falle getappt..! Also noch einmal, damit da kein Restzweifel bleibt:

Keiner weiß, wie Leben geht.

Und wie deines gehen soll, schon gar nicht. Da gibt es nur einen einzigen kompetenten Menschen dafür – rat mal, wen?

In scheinbar aussichtslosen Situationen kann man schon mal auf die Idee verfallen, dieses Leben einfach so auszuknipsen, damit man den ganzen unüberschaubaren und momentan immer üppiger schäumenden Müll nicht mehr aushalten muss. Auch eine Lösung. Oder aber, du probierst das Unglaubliche. Du tust einfach das, was noch niemals jemand getan hat und nach dir auch nie jemand wird tun können. Das, was den Atem stocken lässt, was kein Mensch auf dieser Welt an deiner Statt tun kann, was Mut verlangt und Liebe und Leidenschaft und Rückgrat und eine gute Portion Ver-Rücktheit:

Du gehst hin und lebst dein Leben.