Mit Zeremonien das Leben gestalten

Autorin: Gabriela Schwind ist Begleiterin für Wandlungsprozesse und Übergänge, „Freie Zeremonienmeisterin” in den Regionen Chiemgau, Würzburg und Nürnberg, Achtsamkeitslehrerin (MBSR) und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis in Nürnberg.

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Tel. 0911 - 810 89 59
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Mit Zeremonien das Leben gestalten

Wir Menschen haben das Bedürfnis, wichtige Momente in unserem Leben zu feiern. Sie stellen meist Übergänge dar: Kommen und Gehen, Verbinden und Lösen, Geburt – Hochzeit – Tod. Auch andere Wendepunkte, z.B. der Eintritt in das Erwachsenen-Leben, Abschied aus dem Berufsleben und Jahrestage sind es wert, gewürdigt und zusammen mit lieben Menschen gefeiert zu werden. Mit Zeremonien heben wir sie aus dem Alltag heraus. Sie verbinden uns mit dem, was uns wesentlich ist. Sie berühren uns, geben uns Halt und Bedeutung, sprechen unsere Sinne an – und vor allem das Herz.

Oft hat die Kirche bisher dafür einen Rahmen gegeben. Der Priester oder die Pfarrerin waren für Rituale zuständig, waren Vermittler und Repräsentanten einer umfassenderen Wirklichkeit, in die wir Menschen eingebunden und von der wir gehalten sind und die manche „Gott” nennen. Die Kirchen hatten sozusagen das „Monopol”. Das hat sich verändert.

Heute wollen immer mehr Menschen frei von Bindung an Konfessionen und Konventionen ein Ereignis würdevoll und festlich begehen. Das betrifft nicht nur Konfessionslose und Kirchendistanzierte. Die haben schon immer einen anderen Weg finden müssen, wenn sie zum Beispiel bei einer Hochzeit über den Verwaltungsakt hinaus ihr Bekenntnis zueinander öffentlich machen und ihm einen festlichen Rahmen geben wollten. Bei Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften wurde es schon schwieriger, einen kirchlichen Segen zu bekommen. Und für diejenigen, die zum zweiten Mal heiraten, ist es unmöglich. Die Kirche verwehrt ihnen das Ritual, das sie sich wünschen.

Wozu brauchen wir Rituale?

Das Bewusstsein setzt sich durch, dass Rituale zur Stabilisierung beitragen und dazu dienen können, uns wie ein Geländer durch gefährliche Situationen oder Übergänge zu führen. Im Lebensalltag ändert sich etwas entscheidend: Aus dem unverbindlichen Pärchen wird ein Ehepaar, das sich mit einem anderen Ernst füreinander entscheidet und diese Entscheidung im Kreis von Freunden und Familie mit einem Ritual besiegelt, der Trauungszeremonie. Aus dem Paar werden Eltern, und neues Leben wird begrüßt mit einem Willkommens- und Segensfest. Aus einer glücklichen Familie werden bei einem Trauerfall auf einmal Hinterbliebene, die gemeinsam Abschied nehmen und das Leben des geliebten Menschen mit einer Trauerfeier würdigen. Es sind außergewöhnliche Anlässe, in denen Rituale vollzogen werden, die unterstützend und gefühlvoll durch die jeweilige Situation hindurchführen sollen. Dies ist ein wichtiges Motiv für ein Ritual.

Rituale sind Handlungen, die unsere Gedanken, Worte und Wünsche ausdrücken – auf einer tieferen Ebene. Sie sprechen unsere Herzen an, unsere Seele, und bringen uns in Kontakt mit dem, was Verstand und Sinnen verborgen bleibt. Sie sind so Zeichen für eine umfassendere Wirklichkeit. Rituale wecken in uns Kräfte, die zur Sinndeutung unseres Lebens gehören.

Ein weiteres Motiv ist das Erleben der Gemeinschaft. Man feiert nicht alleine, sondern erlebt Zugehörigkeit, Stärkung, Unterstützung und – je nach Anlass – Mitfreude oder Trost und Beistand. Auch die Texte, Musikstücke, Symbole und Gesten, die ausgewählt werden, geben Halt. Die Menschen können sich mit ihren manchmal überwältigenden Gefühle in ihnen wiederfinden und geborgen fühlen. Sie erleben nicht nur durch die Gemeinschaft, sondern auch durch Form und Inhalt der Zeremonie: „Ich bin nicht allein. Andere waren schon in der gleichen Situation. Und nun bin ich diejenige oder derjenige, die diesen Weg geht.” Wenn wir einen schwierigen oder einen neuen Weg gehen wollen, ist es gut, sich an jemanden wenden zu können, der mit dieser Übergangssituation vertraut ist und der hilft und begleitet.

Eine individuelle Feier

Eine freie „Zeremonienmeisterin” oder ein freier Redner können diese Begleitung persönlicher anbieten als Kirche und Institutionen. Sie können auf die Wünsche ihrer Kunden ganz anders eingehen. Die „Freie Zeremonie” ist tatsächlich frei – frei zur individuellen Gestaltung. Das Ziel ist es, gemeinsam die Form zu finden, die zum Anlass und zu den Menschen passt, die einen wichtigen Schritt gehen wollen oder müssen. Eine Form, die die Wünsche der Beteiligten am besten ausdrückt und dem entspricht, was sie im Herzen tragen. Dafür bieten ausführliche Vorgespräche Gelegenheit.

Aus Altem und Bewährtem, neuen Ideen, persönlichen Vorstellungen und Erfahrungen entsteht am Ende die Zeremonie, von der sich die Betroffenen angesprochen fühlen und in der sie sich wiederfinden. Eine ganz persönliche, individuelle Feier wird entwickelt, die die Sinne und das Herz berührt und die man in Erinnerung behält – weil sie Sinn und Bedeutung vermittelt.

Die Vorbereitung und Gestaltung einer Freien Zeremonie ist zeitintensiv und sehr persönlich. Die Klienten und ihre Übergangsbegleiter lernen sich gut kennen. Das Brautpaar, die Eltern, die Hinterbliebenen vertrauen sich an und zeigen sich mit ihren Gefühlen. Das erfordert auf der Seite der Begleiterin Reife und Glaubwürdigkeit, Würde und Erfahrung. Und das richtige Gespür für das Wesentliche, für das, was „heilig” ist im Sinne von: was „heil macht”.

Dieser Umgang mit Essenz und mit dem Heiligen ist das, was besonders erfüllend ist an dieser Tätigkeit.