Die Kunst der Achtsamkeit

Der Autor: Rainer Alexander Spallek, Tel. 0203 - 289 69 48, info(at)lernen-und-leben.de, www.lernen-und-leben.de

Die Kunst der Achtsamkeit

Kinder gelten als achtsam insofern, als sie im Augenblick leben und mit dem Gegenstand ihres Interesses zu verschmelzen scheinen. Wir Erwachsenen haben da Probleme, versinken gerne sorgenvoll in Vergangenheit und Zukunft und verpassen das Glück des Augenblicks. Buddha schenkte uns die Achtsamkeitsmeditation – sie kann uns inneren Frieden schenken.

Auf einem schamanischen „Vision Quest“ in der Wildnis hieß die Aufgabe: „Gehe zurück in deine Kindheit. Nimm dein inneres Kind an die Hand, gehe hinaus mit ihm in die Natur und lass dich von ihm leiten...“. Schnell erkannte ich das Kind in mir und fast ungestüm zog es mich an der Hand hinaus ins Freie. Ich erlebte mich erfreulich unerwachsen. Später notierte ich meine Erfahrungen...

„Ich schiebe meine Füße über den Waldboden, ohne sie anzuheben. Bald schon türmt sich Laub vor den Füßen auf. Ich greife lustvoll hinein, reibe mir damit die Hände, als wär´s Seife. Ich rieche die Hände. Dann nehme ich zwei Hände voll Laub, werfe es hoch und lasse es auf mich herabrieseln... ich gehe weiter und komme auf eine kleine Wiesenfläche, plötzlich ist mir nach Purzelbaum zumute – gedacht, gemacht und gefolgt von einem Schwindelgefühl... wie sollte es auch anders sein, schließlich schwindele ich mir doch ständig vor, dass so was nicht zum Erwachsenendasein gehört.

Ganz bei mir sein

Ich genieße meinen Übermut und die Verstöße gegen die Erwachsenenregel, dass das Zeigen schierer Daseinsfreude unvernünftig sei. Befreiend! Ich schlendere weiter, höre mich einen Tango pfeifen und stehe plötzlich vor einer Stelle, auf der jemand vor kurzem noch mit kleinen grünen Laubblättern ein schön geformtes, großes Herz gelegt hat. Ich bin entzückt und trete hinein, freue mich und gehe weiter. Vor einem Strauch bleibe ich stehen, streiche behutsam über seine zarten, grünen Blätter, führe sie zum Mund und küsse sie. Bald darauf schiebe ich mein Gesicht zwischen die jungen, weichen Nadeln eines Baumes im Kindesalter und genieße die sanften Berührungen.

Dann bleibe ich einfach stehen. Ganz still. Höre Blätterrauschen, Vogelsingen, irgendwo ferne Kinderstimmen. Ich wende den Kopf himmelwärts: blau, hellblau und wolkenlos. Ich erblicke Spuren von Pusteblumen, meine Kinderaugen verfolgen sie wie hypnotisiert ... bis sie zu Boden sinken... ich bin ganz bei mir ... und spüre doch etwas weit Größeres...“. „Und als das Kind Kind war“, dichtete einmal Peter Handke, „wusste es nicht, dass es Kind war / alles war ihm beseelt / und alle Seelen waren eins...“.

Missachtung unserer inneren und unserer äußeren Natur

Wie dankbar ich war für dieses Nacherleben selbstvergessener Achtsamkeit aus fast vergessener Kinderzeit! Und wie gedankenverloren und getrennt von der Natur gehen wir Erwachsenen heute oft durch einen Wald … . Ich habe keinen Zweifel daran, dass Miss - achtung und Zerstörung der Natur, unser Drang zur Naturbeherrschung und ihre Nutzbarmachung für angebliche Menschenbedürfnisse bei gleichzeitiger Ausblendung der Einheit von Mensch und Natur nicht nur der äußeren Natur, sondern auch unserer inneren Natur Schaden zufügt. Es fehlt uns das Gespür und die Achtsamkeit dafür, was die Buddhisten bedingtes Entstehen, der Dalai Lama „Interdependenz“, Thich Nhat Hanh „Interbeing“, Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ oder spirituell Inspirierte „Ganzheitlichkeit“ nennen.

Gedanken ohne Denker

Für mich ist dies eine Urszene menschlicher Befindlichkeit in modernen Gesellschaften, eine, die die Entfremdung sowohl von der Natur als auch vom Mitmenschen auf den cineastischen Punkt bringt: Im Film „Der Himmel über Berlin“ (Wim Wenders) sieht man Menschen, die alleine sind, in Wohnungen, Bibliotheken, Straßen... In ihnen grübelt es, sorgenvolle Gedanken beherrschen sie, die Sehnsucht nach Sinn und Liebe ergreift sie. Sie denken nicht nach, sie sind in Gedanken... es sind Gedanken ohne Denker. Und da sind dann die beiden mitfühlenden, achtsamen Engel, sie stehen unsichtbar und unmittelbar neben diesen unglücklichen Menschen und hören ihnen zu, lauschen in sie hinein.

Ein Kinobetreiber in der Betonwüste von Tokio lud einmal den Regisseur ein, um ihn auf ein besonderes Phänomen hinzuweisen. Die beiden nahmen im Kino Platz. Der Saal war voll, seit Wochen schon, voller Frauen. Wenders wunderte sich und der Betreiber erklärte: Die Frauen seien so fasziniert von den Engeln, davon, wie aufmerksam und anteilnehmend sie den Menschen zuhören. Das sei völlig ungewöhnlich in der japanischen Gesellschaft, in der die von Arbeitsdrang und Leistungszwang besessenen Män ner unfähig seien, überhaupt ihren Frauen zuzuhören.

Ebenso schlug der „Stadtneurotiker“ von Woody Allen wie eine Bombe in der New Yorker Gesellschaft ein. Der Film war lange Zeit Gesprächsthema, weil er erstmals zeigte, wie sehr die unter Profilneurosen leidenden Menschen auf sich fixiert sind, wie sehr diese permanente Ich-Bezogenheit ruhe-, orientierungs- und haltlos macht. Das große Vorbild Woody Allens, Ingmar Bergman, sorgte in Europa für Furore, als er in „Szenen einer Ehe“ in schonungsloser Offenheit das Drama einer Ehe in Szene setzte. Die emotionalen Ausbrüche schockierten die Zuschauer, rüttelten an ihren brüchigen Fassaden, ließen verdrängte Ängste erwachen...

Sterbebettperspektive

Konsum- und Leistungsorientierung, Zerstreuung und Ängste vernebeln und betäuben die Sinne und verengen den Achtsamkeitsspielraum im Leben dramatisch. Wir achten nicht unsere wahren, tiefen Bedürfnisse. Die Folge ist ein diffuses Gefühl der Leere, das zu blindem Aktivismus drängt; irgendwann sind wir total erschöpft bis hin zum Burnout – die höchste Stufe der Selbstentfremdung. Vor Jahren stieg ich aus meinem Angestelltendasein aus und reiste los. Ich spürte deutlich, dass ich an mir vorbeilebe und Konsequenzen ziehen muss.

Eine gute Motivation ist die Sterbebettperspektive, der Blick zurück: Was war wirklich lebenswert? Wer nicht den Tod ins Bewusstsein integriert, der läuft Gefahr, sein Leben zu verschwenden. Dafür braucht es Achtsamkeit. Wer sie übt, kann auch Achtung entwickeln: vor dem Leben, vor dem eigenen Leben. Das meine ist mir zu schade, um es den Sollens erwartungen der Gesellschaft zu opfern, um mich bequem und willenlos mit dem Mainstream treiben zu lassen.

Geist und Gespenst

Erstmals betrat ich damals ein buddhistisches Kloster. In Thailand traf ich auf 120 Menschen aus dem Westen dieser Welt – Laienmönche in einem zehntägigen Retreat. Eines Morgens war auf einem Plakat das Tagesthema zu lesen: „Mindfulness“. Ich brauchte ein Wörterbuch – aha: Achtsamkeit! Inzwischen hat es die Achtsamkeitsmeditation geschafft, sie ist im spirituell skeptischen Westen angekommen. Der Meditationsforscher Ulrich Ott berichtet von einem Experiment mit seinen Studenten an der Uni: Er bat sie, einfach mal für einige Minuten still dazusitzen und nicht zu denken. Da war aber was los! Viele waren schockiert, wie wenig sie ihren Geist kontrollieren konnten. Er erschien ihnen plötzlich eher als Gespenst denn als Geist. Hier zeigte sich ganz deutlich: Ich bin achtsam, also bin ich. Bin ich es nicht, wo bin ich dann? Auf jeden Fall nicht im viel zitierten „Hier-und-Jetzt“. Unser Geist befasst sich vor allem mit Erinnerungen aus der Vergangenheit und mit Spekulationen in die Zukunft und sorgt damit für viel innere Unruhe. Doch nimmt er überhaupt die Gegenwart wahr?

Achtsamkeitsmeditation

Vor allem dem US-amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn und der von ihm entwickelten MBSR-Methode (Mindfulness based stress reduction) ist es zu verdanken, dass die A.* bei uns akzeptiert ist, dass sie Forschungsgegenstand der Neurobiologie geworden ist, dass Kongresse stattfinden zum Thema „Meditation und Wissenschaft“. Die Grundlage des MBSR ist uralt. Buddha empfahl schon vor ca. 2500 Jahren die A., um das Leiden im Leben zu überwinden. Kabat-Zinn: „Wir haben die ursprüngliche A. nicht verändert, nur die Worte, mit denen wir sie vermitteln.“ Im Satipatthana-Sutra erläutert Buddha die vier Grundlagen der Achtsamkeit. Dabei geht es um die klare, bewusste Wahrnehmung des Körpers (Atem, Empfindungen, Körperhaltungen, Bewegungen..), der Gefühle (un-/angenehme, indifferente), des Geistes (heilsame und unheilsame Gedanken) und der Geistesobjekte (Wahrnehmung der Dinge als ohne eigenständige Wesenheit und als vergänglich).

Die Achtsamkeitsmeditation bewirkt eine allmähliche Erkenntnis der Ursache meines Leidens – Gier, Hass, Illusionen – sowie eine Befreiung davon. Sie sollte praktiziert werden als formale A. – regelmäßige Meditationssitzungen mit bestimmter Zeitdauer – und als informale A., die in alle Winkel des Alltags vordringen soll, vor allem Achtsamkeit auf den Atem während der alltäglichen Verrichtungen, was zu durchgehender innerer Gelassenheit führt. Nach einiger Praxiserfahrung wird man dann den Satz von Mark Twain verstehen, der einmal meinte, dass er viele seiner schlimmsten Erlebnisse überhaupt nicht erlebt habe...

Jack Kornfield weist in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Das weise Herz“ auf das immer wieder notwendige Erkennen und Unterscheiden von heilsamen und unheilsamen Geisteszuständen hin. Die unheilsamen – z.B. Neid, Hass, Wut, Ängste, Eifersucht, Dumpfheit, Ego-Besessenheit – verdunkeln unser Leben. Dagegen zählen zu den „Wurzeln heilsamer Geisteszustände Liebe, Groß - zügigkeit und Achtsamkeit.“ Aus ihnen gehen Klarheit, Gelassenheit, Vertrauen und Freude hervor. Für Kornfield ist „Achtsamkeit die Königin aller heilsamen Geisteszustände.“

* A. = Achtsamkeitsmeditation