Die drei Fragen

Die Autorin: Claudia Meißner – seit 30 Jahren Herausgeberin von „Die Kunst zu Leben”

Die drei Fragen

nach Leo Tolstoi

Es war einmal ein König, dem kam eines Tages der Gedanke, dass ihm nie mehr etwas missglücken würde, wenn er stets im Voraus den richtigen Augenblick für eine anstehende Handlung wüsste, wenn er immer wüsste, mit welchen Menschen er sich umgeben sollte, und wenn er immer wüsste, welche von allen Handlungen die wichtigste sei. Nachdem er eine Zeitlang darüber nachgegrübelt hatte, ließ er im ganzen Lande verkünden, dass er denjenigen reichlich belohnen würde, der ihn lehren könnte, wie man für jede Handlung die rechte Zeit finden könnte, welches die wichtigsten Leute für ihn seien und welche aller Tätigkeiten die wichtigste sei.

Es erschienen viele Gelehrte und erteilten ihm die unterschiedlichsten Ratschläge. Als Antwort auf die erste Frage meinte einer, er müsse sich einen genauen Zeitplan erstellen und jede Stunde, jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr für bestimmte Aufgaben festlegen. Diesen Plan müsse er dann genauestens befolgen. Nur so könne er hoffen, jede Aufgabe zur rechten Zeit zu erfüllen. Ein anderer behauptete, dass es unmöglich sei im Voraus zu wissen, welche Aufgabe zu einer bestimmten Zeit zu erledigen sei. Man müsse einfach stets auf den Gang der Dinge achten, um im gegebenen Augenblick das Notwendige zu tun. Wieder andere bestanden darauf, dass der König für sich alleine nie die nötige Voraussicht haben könne, immer die richtige Entscheidung zur rechten Zeit zu treffen, und was er wirklich brauche, seien weise Ratgeber, nach deren Ratschlägen er sich richten müsse. Und dann gab es noch diejenigen, die meinten, dass manche Angelegenheiten eine sofortige Entscheidung erforderten, dass er aber, wenn er im Voraus wissen wolle, was geschehen würde, Zauberer und Wahrsager befragen solle.

Ebenso fielen die Antworten auf die zweite Frage sehr unterschiedlich aus. Die einen meinten, dass der König sein Vertrauen in Verwalter setzen solle, die ihm bei seinen Regie rungsgeschäften behilflich wären, während andere der Meinung waren, dass für ihn Priester am hilfreichsten wären, und wieder andere Ärzte empfahlen. Dann gab es noch diejenigen, die darauf bestanden, dass der König vor allem Krieger brauche.

Auf die dritte Frage antworteten die einen, dass die Wissenschaften das Wichtigste auf Erden seien, die anderen meinten, das sei die Kriegskunst, und wieder andere behaupteten, am wichtigsten sei die Gottesverehrung. Nachdem sich also herausgestellt hatte, dass alle Antworten voneinander abwichen, erhielt keiner die erhoffte Belohnung.

Da er nicht aufgeben wollte, beschloss der König, einen Einsiedler aufzusuchen, der wegen seiner Weisheit berühmt war. Dieser Einsiedler lebte auf einem Berg, den er nie verließ, auch empfing er nur einfache Leute. Deshalb kleidete sich der König mit einem schlichten Gewand und ließ sein Pferd sowie sein bewaffnetes Gefolge zurück, während er sich der Einsiedlerklause näherte. Als er am Wohnort des weisen Mannes anlangte, war dieser gerade mit dem Umgraben seiner Gartenbeete beschäftigt. Er erblickte den König, begrüßte ihn und grub ruhig weiter. Er war alt und etwas schwächlich und atmete jedesmal schwer, wenn er den Spaten in die Erde stieß, um die kleinen Schollen umzuwenden. Der König trat zu ihm und sprach: „Ich bin gekommen, um Euch zu bitten, mir drei Fragen zu beantworten: Welche Zeit ist die beste für jedes Unternehmen? Welche Menschen sind die wichtigsten? Und was ist die wichtigste Handlung, die man stets tun sollte?”

Der Einsiedler hörte dem König aufmerksam zu, antwortete aber nicht, sondern grub weiter. „Ihr seht erschöpft aus”, sagte der König, „gebt mir Euren Spaten und ruht Euch aus, ich werde für Euch weiterarbeiten.” Der Einsiedler dankte ihm, reichte ihm den Spaten und setzte sich zum Ausruhen auf die Erde nieder. Nachdem der König zwei Beete umgegraben hatte, hielt er inne und wiederholte seine Fragen. Der Einsiedler antwortete immer noch nicht, stand auf und streckte die Hand nach dem Spaten aus.

„Warum ruht Ihr Euch jetzt nicht aus? Ich kann wieder weitermachen!” sprach er. Der König aber fuhr fort mit dem Umgraben. Es verging eine Stunde und eine zweite. Die Sonne begann bereits hinter den Bäumen zu verschwinden, da steckte der König den Spaten in die Erde und sagte: „Weiser Mann, ich bin zu Euch gekommen, um Antwort auf meine Fragen zu erhalten. Wenn Ihr jedoch keine Antworten für mich habt, so lasst es mich wissen, damit ich mich wieder auf den Weg nach Hause machen kann.”

„Seht, da kommt jemand gelaufen”, sagte plötzlich der Einsiedler. Und wirklich rannte ein Mann mit einem langen Bart herbei und hielt sich die Hände vor den Leib. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor. Als er beim König angelangt war, brach er zusammen, lag unbeweglich da und stöhnte leise. Der König öffnete mit Hilfe des Einsiedlers die Kleider des Mannes und sie sahen, dass im seinem Unterleib eine tiefe Wunde klaffte. Der König reinigte diese, so gut er konnte, und verband sie dann mit seinem Tuch. Doch die Wunde hörte nicht auf zu bluten und der König nahm den von Blut durchtränkten Verband ab, wusch die Wunde von Neuem und verband sie wieder.

Als das Blut endlich gestillt war, erlangte der Fremde sein Bewusstsein und bat um Wasser. Der König trug einen Krug mit frischem Wasser herbei und stillte den Durst des Verletzten. Inzwischen war die Sonne untergegangen und es wurde kühl. Der Einsiedler half dem König den Mann in seine Hütte zu tragen und auf sein Bett zu legen. Der Verwundete schloss seine Augen und und lag ganz ruhig da. Der König aber war nach diesem langen Tag so müde geworden, dass er sich gegen den Türpfosten lehnte und in einen tiefen Schlaf versank.

Als er am Morgen erwachte, war die Sonne bereits aufgegangen. Für einen Augenblick wusste er nicht mehr, wo er war und warum er hier war. Er schaute zum Lager des Fremden und sah, dass dieser ihn eindringlich beobachtete. „Vergebt mir”, sprach der Fremde dann mit schwacher Stimme. „Wofür sollte ich dir vergeben?”, fragte der König. „Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne Euch. Ich war Euer Feind und ich hatte gelobt, mich an Euch zu rächen, da Ihr im Krieg meinen Bruder getötet und meinen Besitz an Euch gebracht habt. Als ich hörte, dass Ihr alleine auf den Berg kommen würdet, um den Einsiedler aufzusuchen, beschloss ich, Euch auf dem Rückweg aufzulauern und zu töten. Nachdem ich jedoch den ganzen Tag gewartet hatte und immer noch kein Zeichen von Euch zu sehen war, verließ ich meinen Hinterhalt, um nach Euch zu schauen. Dabei traf ich auf Eure Leibwache. Sie erkannten mich und fügten mir diese Wunde zu. Es gelang mir, vor ihnen zu fliehen und ich eilte hierher.

Hätte ich Euch nicht angetroffen, wäre ich jetzt sicherlich tot. Ich wollte Euch töten, und nun habt Ihr mir stattdessen das Leben gerettet! Ich bin beschämt und kann meine Dankbarkeit nicht in Worte fassen. Wenn ich am Leben bleibe, gelobe ich Euch für den Rest meines Lebens treu zu dienen. Und ich werde meine Söhne anweisen das Gleiche zu tun. Gewährt mir Vergebung, ich bitte Euch!”

Der König war sehr erfreut darüber, dass er nun mit seinem früheren Feind ausgesöhnt war. Er vergab dem Mann nicht nur, sondern versprach ihm, seinen Besitz zurückzugeben und ihm außerdem seinen Arzt und seine Bediensteten zu schicken, damit sie ihn bis zur völligen Genesung pflegten. Nachdem er sich von dem Verwundeten verabschiedet hatte, verließ er die Klause und blickte sich nach dem Einsiedler um. Dieser war gerade dabei Samen in die Erde zu säen, die sie am Tag zuvor umgegraben hatten. Der König trat zu ihm und sprach: „Zum letzten Mal, weiser Mann, bitte ich dich, meine Fragen zu beantworten!” „Aber eure Fragen wurden doch bereits beantwortet”, erwiderte der Einsiedler, richtete sich auf und sah den König an. „Ich soll eine Antwort erhalten haben?” fragte dieser.

„Gewiss”, antwortete der Einsiedler: „Hättet Ihr gestern nicht Mitleid mit meinem Alter gehabt und mir geholfen, die Beete umzugraben, dann wärt Ihr allein zurückgegangen. Dieser Mann hätte Euch dann auf dem Weg überfallen und getötet. Die wichtigste Zeit war also die Zeit, in der Ihr die Beete ausgehoben habt, die wichtigste Person war ich, und die wichtigste Aufgabe bestand darin, mir zu helfen. Dann, als der Verwundete angerannt kam, war die wichtigste Zeit die, die Ihr mit dem Verbinden der Wunde zubrachtet, denn wenn Ihr ihn nicht gepflegt hättet, wäre er gestorben, und Ihr hättet die Möglichkeit versäumt, Euch mit ihm auszusöhnen. Also war er in jenem Augenblick für Euch der wichtigste Mensch. Und die wichtigste Aufgabe bestand darin, seine Wunde zu versorgen.

Merkt Euch also, dass der wichtigste Zeitpunkt stets nur der eine ist: das Jetzt. Der gegenwärtige Augenblick ist die einzige Zeit, über die wir verfügen. Und der wichtigste Mensch ist stets derjenige, mit dem uns der Augenblick gerade zusammenführt. Die wichtigste Handlung aber besteht darin, den Menschen an Eurer Seite glücklich zu machen. Das allein ist der Sinn und Zweck des Lebens.”