Der Mystiker

Autor: N.J. Mayer leitet mit seiner Frau H. Nora Henke-Mayer das Zentrum Metafor e.V. in Starnberg (Institut für Initiatische Therapie und Systemisches Familienstellen – Therapie der frühen Existenz), Tel. 08151 - 26 89 60 oder www.metafor.de


Literatur zum Thema

Der Pfad des Mystikers

Der neue Mensch wird ein Mystiker, ein Poet und ein Wissenschaftler in einem sein.... Er wird ein Mystiker sein, weil er die Gegenwart Gottes fühlt. Er wird ein Poet sein, weil er die Gegenwart Gottes feiern wird. Und er wird ein Wissenschaftler sein, weil er diese Gegenwart durch wissenschaftliche Methoden durchdringen wird. Wenn ein Mensch all dies zusammen ist, ist der Mensch ganz. Das ist meine Vorstellung von einem heiligen Menschen. BHAGWAN SHREE RAJNEESH

Der Mystiker

Die Amtskirche versuchte die Mystiker eher aus dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit herauszuhalten, statt sie als leuchtende Vorbilder in die Gotteshäuser zu stellen, was sie verdient hätten. Denn schließlich waren es ja die Mystiker, die Gott geschaut, d. h. erfahren hatten. Das aber überschritt die Grenzen des gepredigten Glaubens. Auf ihre Dogmen wollten jedoch Papst und Klerus auf keinen Fall verzichten. Die Gotteserfahrung rüttelt an den Grundfesten des katholischen und apostolischen Auftrages, des allein-seligmachenden Glaubens. So stehen wir hier bereits vor einer Entscheidung, die da heißt: an Gott zu glauben oder Gott zu erfahren. Die Erfahrung Gottes wäre der Ansatz des Mystikers. Der Mystiker begnügt sich nicht damit, die Gebote der Kirche einzuhalten und gute Werke zu tun, damit er einmal drüben in die Schar der Seligen aufgenommen werde – nein, er übersteigt sich selbst und handelt: Er holt Gott in diese Welt. Er hält sich nicht an die Regeln und Vorschriften, er gehorcht einer höheren Ordnung. Im Grunde zählt er zu den heiligen Rebellen. Marie-Luise von Frantz nennt diesen heiligen Rebellen einen „transformierten Berserker” (1988).

Karlfried Graf Dürckheim wurde zuweilen sehr deutlich, wenn er sagte: „Gutsein genügt nicht!” Und weiter sinngemäß: „Auch wenn du nach den Gesetzen des Staates und den Geboten der Kirche lebst und ein guter Mensch zu sein versuchst, bleibst du immer noch in der Abhängigkeit. Erst der Mensch, der nach seinem inneren Gesetz, nach dem er angetreten ist, lebt, wird frei von solcher Bindung. Eine Einbindung braucht der Mensch bis zu einem bestimmten Punkt des Bewusstseins dort, wo ihm die innere Enge keine Freiheit mehr lässt als den Schritt geradeaus, über die Grenze zu sich. Das „große Leben“ in das „kleine Leben“ einbeziehen – eine Aufforderung der Initiatischen wie Transpersonalen Therapie – meint ja nichts anderes, als was der Mystiker vollzieht: das jenseitige Leben ins diesseitige hineinzunehmen.

Der Mystiker unterstützt die Energiefelder der Evolution. Er gehört zur „kritischen Masse“, dem „Salz der Erde“, das auf das kollektive Bewusstsein der Menschen einwirkt, das dadurch erweitert, vertieft und differenziert wird. Eine Vernetzung der geistigen Kräfte findet statt, die Viele in ihren Bann zieht. Doch eine solche wissende Haltung stellt zwangsläufig das Postulat einer Mitverantwortung für diese Welt auf: für die Mitmenschen, die Natur, die Wissenschaft wie Medizin, Psychologie, Technik u. a.

Wir sitzen alle im selben Boot. Keiner kann darüber hinaus. Der Spielraum liegt zwischen Bootsheck und Bug, mehr nicht. So folgt daraus: Was immer du tust oder nicht tust, wirkt auf dein Kollektiv, in welchem du lebst. Marie- Luise von Franz (1988), die Jungschülerin, sagt: „Sobald jemand an seinem eigenen Unterbewusstsein arbeitet, wird davon in unsichtbarer Weise auch die Gruppe berührt. Wenn es noch tiefer geht, wirkt sich dies auf große nationale Einheiten oder manchmal sogar auf die ganze Menschheit aus“. Die bewusstmachende Arbeit des Einzelnen erweitert, vertieft und differenziert das Bewusstsein des Kollektivs und fließt gleichzeitig in das „kollektive Unterbewusste“ der Menschheit ein. Und das ist das Große und Erschreckende an der Mitverantwortung: Alles wirkt in dir und nach außen, jedes Tun und Nicht-Tun. Fatal wirkt es sich dort aus, wo die Devise lautet: Wenn ich nichts tue, mache ich nichts falsch.

Ich plädiere als Fingerübung angehender Mystiker für das kleine, alltägliche Tun des offenen Herzens, das oft große Wirkung zeigt: Mit guter Laune einkaufen gehen; zuvorkommend sein beim Autofahren; jemand in den Parkplatz winken; die rote Ampel-Meditation nutzen als Zeit für bewusstes Atmen; auch mal eine leere Flasche vom Weg räumen. All das hat seine Wirkung und ist weises Dienen an der Gemeinschaft. Der Mensch beginnt achtsam zu leben.

Achtsamkeit wird in allen spirituellen Traditionen als erste Tugend und Disziplin der Bewusstwerdung verstanden.

Wir kennen den Mystiker meist nur aus Bildern der Verzückung in der Schau Gottes. Doch er kennt auch den tiefen Schatten. Und dieser muss gleichfalls genommen werden wie das Licht. Beides fügt sich zu einem Ganzen: Teil und Gegenteil. Marie-Luise von Franz erzählt die Geschichte des Hl. Nikolaus von der Flühe, der beides gelebt, transformiert und geeint hatte: den Berserker-Kriegshelden und den heiligen Einsiedler. Die Mystiker wussten: Wird der Schatten nach außen verlegt, statt ihn zu nehmen wie das Licht, wird er bekämpft in Kreuzzug, Krieg und Hexenbrand. Wenn das Dunkel abgespalten ist, wirkt es zerstörerisch. Wo Luzifer nicht in die seelische Menschheitsgeschichte hineingenommen wird, bleibt Christus ein Halbgott. Wo er es zulässt, erhellt sich das Herz des Mystikers zum Konferenzraum, in dem sich Gott und Luzifer begegnen können. Wo du dich in die Pflicht deiner persönlichen Evolution nehmen lässt, verwandelt sich mit jedem Schritt auch ein Stück kollektiven Schattens. Dieses „In-die-Pflicht nehmen-lassen“ beinhaltet auch zuweilen die schwere Krise, den großen Zweifel und eine Höllenfahrt, die dich in die Tiefe deiner ursprünglichen Quelle führt. Und so schreitet die Entwicklung fort: Die Engel werden immer größer und die Teufel auch.

Die Seinserfahrungen

Der Mensch entstammt zweier Welten; er ist doppelten Ursprungs, wie es Graf Dürckheim nennt: der immanente, irdische Ursprung, beginnend mit der Zeugung und Empfängnis und endend mit dem Tod, und der transzendente, himmlische Ursprung, der weit vor der Geburt beginnt und mit dem Tod nicht endet. Doch es liegt im freien Willen des Menschen, dieses angeborene, göttliche Geschenk des doppelten Ursprungs ganz zu ergreifen oder es ungenutzt, d.h. ungeöffnet liegen und damit entgleiten zu lassen.

Des öfteren in unserem Leben klopft das Schicksal bei uns an, um auf diese transzendente Fähigkeit unseres innersten Wesens aufmerksam zu machen. Graf Dürckheim nannte dieses Ausgestoßensein durch unser Schicksal „Seins - erfahrungen“ als milde Form des Anstoßes und „Seinsschläge“ als die etwas härtere Version für Hartgesottene. Solche Aufforderungen begegnen uns während unseres Lebens immer wieder. Wenn wir diese Aufforderung nehmen als Herausforderung, Chance und Auftrag, wird sie zur Initiation, zu einem Neubeginn, der uns „das Tor zum Geheimen“ (Dürckheim) öffnet. Und dieses Tor zum Geheimen meint ja nichts anderes als das Tor zu mystischem Erleben. Ein Weg zu unserem innersten Wesen beginnt sich aufzutun, der vieles in unserem Leben ändert, manchmal alles. Und davor haben wir Angst und schlagen diese Tür wieder zu.

Wie geschehen diese Seinserfahrungen, denen ja jeder von uns oftmals begegnet ist? Da sind zunächst die tief bewegenden, manchmal bis zur Ekstase sich steigernden Erfahrungen

  • von elementaren Naturerlebnissen, z.B. beim Besteigen eines Berges, beim Betrachten eines Sonnenaufganges, beim Tiefseetauchen u. a.
  • von ergreifendem Erleben in der Kunst: ein Lied, ein Text, ein Bild, ein Film
  • von kultischen Erlebnissen, etwa im Ritus einer Einweihung oder innerhalb einer Visionssuche, fastend in der Wüste oder auf dem Berg und in den Übergangsriten verschiedener Kulturen
  • von tiefer Vereinigung im Sexus wie es auch in tantrischen Übungen erreicht werden will
  • durch das Nacherleben des Mythos etwa von Heldenreisen in das Mysterium der Unterwelt, des Unter-Bewussten und
  • durch das rituelle Verabreichen schamanischer Medizin im Ritualkreis bei den Naturvölkern.
Über diese Seinserfahrungen ist ein Einstieg in das mystische Erleben möglich, doch es erfordert auch die tägliche Übung.

Zur härteren Kategorie des Seinsschlages zählen jene Erfahrungen, die vom großen Therapeuten Schicksal angezettelt werden, die sogenannten Schicksalsschläge wie Krankheiten, Unfälle, eigene Nahtoderfahrungen, Todesfälle bei Verwandten, Partnern, Kindern oder Verlust von Besitz, Katastrophen, Krieg. Solche Seinserfahrungen können auch künstlich eingeleitet werden, indem man sich einem therapeutischen Seminar (z.B. „Die Provokation) unterzieht. Dort wird der Teilnehmer durch bestimmte Methoden (z.B. Fasten, Schweigen, Arbeitsmeditation und aufdeckende Übungen) an seine Grenze geführt. Denn dort an der äußersten Grenze geschieht die Verwandlung, öffnet sich das Tor. Es ist wie im Spiel von Pfeil und Bogen: Erst wenn der Bogen bis zur äußersten Grenze gespannt ist, entsteht genügend Kraft, den Pfeil ins Ziel zu tragen. Alles andere bleibt wirkungslos.

Zweierlei noch: Viele meinen, ein Seminar, ein einmaliges Handeln, würde genügen, um den Weg des Mystikers zu gehen. Das ist falsch. Wie der Leib benötigt auch die Seele ihre tägliche Nahrung, sonst zieht sie sich zurück. Ein Kontinuum, die „Treue zur täglichen Übung“ ist gefordert: das Herzensgebet, stilles Sitzen, Übungen aus dem Tai-Chi, Qi-Gong, Iai-Do, u.a. Jede einfache und wiederholbare Übung eignet sich als Nahrung für die Seele. Dass einer auf seinem Pfad des Mystikers ist, beweist, wenn ihm das tägliche Üben, d.h. die tägliche Begegnung mit seinem göttlichen Wesen, unentbehrlich geworden ist. Und das zweite: Manche glauben, dieser Weg des Mystikers erfordere, dass sie ihr bisheriges Leben loslassen und nur noch dem Geistigen verpflichtet sein müssten. Das ist auch falsch. Es geht nicht um das „Entweder – Oder“, sondern um das „Sowohl – als auch“. Mit den Beinen auf Mutter Erde, mit dem Kopf im Himmel. Das Herz vereint beides zu konkretem Handeln in der Welt.