Dan Millman

Autor: Dan Millman, geb. 1946 in den USA, ist Schriftsteller und Professor für Sport. Der ehemalige Weltmeister auf dem Trampolin unterrichtet seit rund zwanzig Jahren Kampfkünste, Yoga und andere Formen des körperlichgeistigen Trainings. Seine Bücher über die Meisterung des Lebensweges wurden in 29 Sprachen übersetzt und haben Millionen Leser in aller Welt inspiriert. Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: „Die vier Ziele des Lebens – Persönliche Erfüllung finden in einer Welt des Wandels” – Mit freundlicher Genehmigung des Ansata Verlages www.metafor.de


Literatur zum Thema

Das Leben als Kunstwerk

Wir tun ständig etwas, wir spülen das Geschirr ab, wir versorgen die Wäsche, wir kaufen ein. Wir gehen zur Arbeit, wir graben oder tippen oder heben oder sprechen. Aber wenige von uns üben. Hier der wichtigste Unterschied zwischen Tun und Üben: Wenn Sie etwas üben, wiederholen Sie es nicht einfach achtlos, sondern sind auf Verbesserung oder Verfeinerung aus – sei es, dass wir etwas unterschreiben, eine Tür öffnen, Einkäufe tragen, uns in den Verkehr einfädeln oder Wäsche zusammenlegen.

Das ist uns geläufig. Um eine Sportart, einen Tanz, ein Spiel oder ein Instrument zu erlernen, bedarf es der Übung. Und bei solchen Dingen sehen wir auch sofort ein, dass wir unsere Anschlagstechnik oder einen bestimmten Schwung oder Sprung verbessern möchten. Wir sehen dergleichen als etwas Besonderes, irgendwie außerhalb des Alltäglichen Stehendes, als handelte es sich um Dinge, die mehr Aufmerksamkeit wert sind. Deshalb sagte Socrates einmal zu mir: »Weißt du, was uns unterscheidet, Dan? Du übst das Turnen, ich übe alles.«

Was sagen Sie dazu? Wie wäre es wohl, jeden Augenblick zu üben und alles, was wir tun, zu üben, auszuüben? Wir würden wahrnehmen, wie wir die Gabel zum Mund führen und atmen und kauen. Wir würden auf die Worte achten, die wir sprechen, und wie wir sie sprechen. Sicher, in den Händen mancher unserer eher zwanghaften und neurotischen Freunde würde der Gedanke, alles zu üben, wahrscheinlich ein Programm der krampfhaften, unentwegten Selbstverbesserung in Gang setzen. Aber das ist nicht gemeint, überhaupt nicht.

Die Art des Übens, die ich empfehle, macht aus dem Leben eine Kunst. Ihre Darbietung ist einzigartig, niemand bringt es fertig zu leben, wie Sie es tun. Wenn Sie alles üben, was Sie tun, kehrt Ihre Aufmerksamkeit wie von selbst zur Gegenwart zurück. Sie treten in den Strom ein. Sie werden eine Wolke, die über den Himmel zieht und dem Wind weder vor aus eilt noch nachzieht, sondern sich ganz natürlich bewegt, wieder im Einklang mit dem, was die Weisen Chinas das Tao nennen.

Das ist meine Übung. Ich bleibe darin irgendwie Anfänger, aber ein sehr engagierter Anfänger. Ich übe im Glauben an das Gesetz, dass wir mit der Zeit besser werden. Es beginnt mit der aufrichtigen Intention, jeden Augenblick zu achten, und alles so zu tun, als gehörte es zu einer Darbietung vor Tausenden. Was im Kleinen gelingt, das können Sie überall. Deshalb sagt der Zen-Meister: »Wenn du es verstehst, Tee zu servieren, kannst du alles.« Wenn Sie es in irgend etwas zur Meisterschaft bringen, sind Sie Meister Ihrer selbst. Fragen Sie sich also immer wieder einmal: Atme ich? Bin ich entspannt? Bewege ich mich geschmeidig?

Viel verdanken wir den spirituellen Traditionen des Ostens, die uns die Kunst des Blumensteckens, die Kalligrafie, die Teezeremonie, die Kampfkünste und schließlich die Kunst der Medita tion im Sitzen oder Gehen geschenkt haben, die alle kein Selbstzweck sind, sondern den Weg ausleuchten und uns an Herz und Geist erfrischen. Sie geben uns Beispiele für wahre Lebenskunst und rufen uns die völlige Versunkenheit im Augenblick in Erinnerung, die wir als Kinder erlebt haben. Das scheinbar Verlorene ist wiederzufinden, und so werden wir »wie die Kinder«, die »ins Himmelreich kommen«.

Üben Sie alles, was Sie tun. Beachten Sie die kleinen Dinge, die kaum merkliche Haltungsänderung, die Stress löst, oder den entspannenden Atemzug. Vergessen Sie nicht, aus purer Freude am Lächeln zu lächeln. Hier sind sechs Worte für Sie: Hier und jetzt atmen und entspannen. Üben Sie das in allem, was Sie tun, und Ihr Leben wird sich zum Besseren wenden. »Einfach nur sein« ist ein oft gehörtes Schlagwort, und viele meinen, es gehe nicht um das, was wir tun, sondern um das, was wir sind – aber ich sehe das anders. Wenn es um unser Dasein in der Welt und um unseren Einfluss auf sie geht, glaube ich, sind wir (vor allem) das, was wir tun. Wenn Sie Ihr Verhalten ändern, ändern Sie das, was Sie sind.

Ihr Denken und Fühlen muss gar nicht unbedingt positiv, friedvoll, mitfühlend oder liebevoll sein – wichtig ist vor allem, dass Sie sich bei jeder Gelegenheit so verhalten und so oft wie möglich daran denken. Diese Übung bekräftigt und belebt das Beste am Menschengeist. Sie repräsentiert den Kern dessen, was ich den Weg des friedvollen Kriegers nenne. (...)

Halten Sie sich an all das, was Sie unterwegs gelernt haben, und Sie verwandeln jeden Tag Ihres Lebens in einen Weg der persönlichen Entwicklung, auf dem Sie jedem Augenblick neuen Sinn und Zweck einhauchen. Wenden Sie sich mit jedem Atemzug diesem Augenblick zu. Fragen Sie sich immer wieder mal: »Worauf bin ich in diesem gerade eintretenden Augenblick aus?« Dann tun Sie, was zu tun ist, immer wieder – eine wunderbare und bunte Abfolge von Zielsetzungen, aus denen die Geschichte Ihres Lebens besteht und die Geschichten aller Leben bestehen.