Schlüsseljahre 2012

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von Marion Küstenmacher aus: „Der Seele einen Garten schenken”, Knaur / MensSana – mit freundlicher Genehmigung


Literatur zum Thema

Blumentöpfe

oder VOM NUTZEN DES ZERBROCHENEN

In unserem kleinen Gartenschuppen steht ein alter Korb, in dem ich die Scherben von zerbrochenen Tontöpfen sammle. Ich brauche sie als Bodensatz in neuen Töpfen, wenn ich Pflanzen umtopfen muss, denen es in ihren alten Gefäßen zu eng geworden ist. Sie haben alle Erde in Wurzelwerk verwandelt, schieben sich im Topf nach oben und warten erschöpft darauf, wieder mehr Raum für sich zu finden.

Wir kennen diesen inneren Nährstoffmangel aus eigener Erfahrung. Irgendwann ist der „Topf unseres Lebens“ wieder einmal zu klein für die entwicklungshungrige Seele geworden. Sie möchte lieber heraus aus einer beengenden Situation als darin verkümmern. Je mehr wir aber an dem alten, eben auch vertrauten Topf hängen, desto größer ist die Verletzungsgefahr beim Umtopfen. Wenn wir gar nicht richtig loslassen wollen, reißen viele unserer Seelenwürzelchen ab und verursachen heftige Schmerzen.

In diesem Widerstreit geht manchmal der ganze Topf entzwei und wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Und gerade weil der alte Topf uns bei aller Enge doch Halt gab und Stabilität, empfinden wir dann unsere momentane Entwurzelung und Haltlosigkeit wie einen Schock. Es ist, als habe man die Beziehung zu sich selbst, einem anderen Menschen oder gar zu Gott ganz und gar verloren.

Da wird aus dem Scherbenhaufen schnell ein furchtbares Scherbengericht. Wir hadern mit Gott und den Menschen und schneiden uns dabei mit den Scherben, die wir in der Hand halten, selbst nur noch tiefer ins Fleisch. Es macht keinen Sinn, angesichts ihrer scharfen Kanten ewig darüber zu lamentieren, wie verletzt und verwundet man ist.

Die Scherben der Vergangenheit braucht man weder zu verachten noch zu verleugnen. Man kann auch anders damit umgehen und die Bruchstücke des alten Blumentopfes auf den Boden eines neuen legen. Sie erinnern uns daran, dass wir auch heilsam mit den zerbrechlichen Anteilen in unserer Seele umgehen können und dass unserem inneren Wachstum oft etwas Zerbrochenes zugrunde liegt. Neue Seelenwurzeln breiten sich um die Bruchstücke eines bisherigen Lebens herum aus und umfangen sie schließlich ganz.

So sind die eigene Verwundbarkeit wie auch das Scheitern in neu - em Wachsen geborgen. Und genau diese bewahrte Erfahrung eigener Verwundbarkeit ist es, die wunderbar die Aufnahme von Wasser regulieren kann. An der Stelle, wo unser Herz einmal verletzt wurde oder gar in viele Stücke zerbrach, sind wir durchlässiger und sensibler geworden. Ein feiner Filter ist entstanden, der lebendiges Wasser speichern und abgeben kann, ganz wie es für die weitere Entwicklung gebraucht wird. Nach einer Weile unsichtbaren inneren Wachstums spüren wir dann plötzlich, dass die Verbundenheit mit allem zugenommen hat und die Versenkung tiefer geht als zuvor. Auf dem Boden unserer Gebrochenheit ist ein neu es, größeres Ganzes gewachsen. Uns selbst und dem Schöpfer zu Ehren.