Haiku: Zenweg der Silben

Autor: Christian Salvesen ist Redakteur, Buchautor und Komponist. In Gräfelfing leitet er regelmäßig interessierte Laien zum Haiku-Singen an.

Kontakt: Tel. 089 - 85 89 62 09
www.christian-salvesen.de

Haiku: Zenweg der Silben

ÜBER EINE ALTE UND ZUGLEICH AKTUELLE KUNST:

Der Zenbuddhismus ist hierzulande bekannt für langes Stillsitzen und verrückte Geschichten, wie ein Zenmeister seine Schüler zum Erwachen (Satori) bringt. Vor allem in Japan hat sich allerdings über die Jahrhunderte eine vielfältige Zenkultur entwickelt, in der es verschiedene Ausrichtungen oder Künste gibt, zum Beispiel den Weg des Schwertes (Aikido), den des Pinsels und der Tusche (Hitsuzendo) oder des Blumensteckens (Kado, Ikebana). Auch die Dichtkunst ist vom Geist des Zen beeinflusst. Hier erfreut sich vor allem eine Gedichtform in Deutschland besonderer Beliebtheit: Das Haiku. Es gilt mit seinen 17 Moren (Lauteinheiten) als das kürzeste Gedicht weltweit. In deutscher Sprache wird es meist in drei Zeilen mit 5–7–5 Silben wiedergegeben. Bereits vor 100 Jahren experimentierten deutsche Dichter wie Rainer Maria Rilke mit dieser Gedichtform, heute gibt es etliche Internetforen und Arbeits-Kreise, wo neue Haiku entstehen. In einigen – wie dem Kreis in der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in München – werden die Ergebnisse sogar ins Japanische übersetzt und in Japan offiziell bewertet.

Der Frosch und andere Haiku

Der berühmteste japanische Haiku-Poet (Haijin = Haiku-Mensch) war Matsuo Basho (1644-1694). Er wanderte durch die Lande und lehrte andere diese besondere Kunst, „die Grenzen unseres Selbst zu überschreiten und in eine Sache einzutauchen, bis ihre innerste Natur sichtbar wird.“ Ein Haiku skizziert einen flüchtigen Moment, einen Eindruck aus der Natur, mal humorvoll, mal mit spiritueller Tiefe oder beides zugleich, wie Bashos bekanntestes Haiku deutlich macht:

Alter, stiller Teich
Fröschlein springt hinein
Platsch!

Es gibt viele deutschsprachige Versionen dieses Haiku, denn die japanischen Lautfolgen sind äußerst vieldeutig und deuten nur an, vergleichbar der Kalligrafie. Das mit den Worten gezeichnete Bild ist zugleich eindrucksvoll und plastisch. Jeder spürt unmittelbar die Stimmung. Aus der Blütezeit der klassischen Haiku in Japan sind auch einige aus der Feder von Frauen überliefert, und sie thematisieren nicht nur Naturstimmungen und Jahreszeiten, sondern auch den Menschen selbst. So beschrieb die Kurtisane Tsukaki um 1800 ihr eigenes Lebensgefühl in diesem Haiku:

Sie lassen dich ihr Antlitz sehen
Aber ihre Seele nicht,
Die Blumenmädchen!

Die Hofdame Frau Kaga no Chiyo drückte ihre Trauer ebenso dezent wie ergreifend aus:

Melonen, die ich ihm vor einem Jahr
Nicht geben durfte
Jetzt bringe ich sie ihm als Totenopfer.

Die singende Feldgrille

Magie und Religion, Philosophie und Kunst, Wissenschaft und Meditation verdanken sich letztlich dem einen Grundimpuls, der alle und alles beherrscht: Leben wollen - und zwar ohne Ende. Angst und Hoffnung haben phantastische Auswege, Jenseitswelten aller Art kreiert, und doch scheint bei ungetrübter Sicht das Haiku von Zenpoet Basho die Situation noch am besten zu treffen:

Ohne Ende
singt die Feldgrille - und doch
ist ihr Leben so kurz.

Im Rahmen eines begrenzten Lebens, über das wir – so sehr wir es auch gedanklich versuchen – schlichtweg nicht hinausspringen können, bleibt nur eine Chance: Der gesuchte Ausweg, das ewige Leben, ist hier und jetzt zu finden – oder nirgends. Liegt das Geheimnis in einer bestimmten Art und Weise zu leben? Bashos Bild will ja mehr sagen als: Bei ihrem kurzen Leben kann sich die Grille keine Pause leisten. Die Zeitangaben „ohne Ende“ und „kurzes Leben“ liegen nur scheinbar auf derselben Ebene. Im linearen Zeitverlauf wäre der Gesang ebenso schnell zu Ende wie das Leben der Sängerin.

Was ist das Geheimnis? Gibt es einen Schlüssel? Mit Nachdenken kommen wir hier nicht weiter. Eine Möglichkeit ist wohl, es der Feldgrille gleichzutun und zu singen. So viele wunderbare Angebote gibt es da, nicht nur wie früher in Kirchenchören und Gesangsvereinen, sondern auch das Chanten, Tönen, Mantrasingen etc. mit einem überkonfessionellen spirituellen Hintergrund. Doch es ist auch möglich, die in Haiku gefassten Weisheiten des Zen zu singen und auf diese Weise ganz unmittelbar zu spüren, was der Zenpoet Matsuo Basho mit seinen kurzen Versen meinte.