Eurythmie

Autorin: Maria Ostermaier, geb. 1981,
Dipl. Eurythmistin, Heileurythmistin, Praxis für Heileurythmie in Landsberg am Lech – Allgemeine Heileurythmie, Ton-Heileurythmie, Augen-Heileurythmie, künstlerische und präventive Kurse
www.Maria-Ostermaier.de

Eurythmie

Der tanzende und der heilende Logos

Viel ist über die Eurythmie und ihre therapeutische Schwester, der Heileurythmie, noch nicht bekannt. Sollten Sie Ihr Kind an eine Waldorfschule oder in einen Waldorfkindergarten schicken, gehört sie allerdings zum „Inventar“, genau so wie in anthroposophischen Kliniken die künstlerischen Felder dem Patienten als komplementärmedizinische Ergänzung begegnen können.

Mein Entschluss, die Eurythmie zu meinem Beruf zu machen, entstand zu - nächst aus dem inneren Wunsch, Bewegung, Gefühl und Wesen in „Einklang“ zu bringen. Künstlerisch kann ich mich mit den Kräften von Sprache und Musik verbinden, und diese lebendig-beseelt in ihren Rhythmen, Formen, Farben und Dynamiken durchdringen. Die Vereinigung der Künste wie Architektur, Plastik, Malerei, Musik und Sprache in der Eurythmie faszinierte mich. Ich fühlte mich als junger Mensch in der Eurythmie einer Antwort und gleichzeitig einem Rätsel gegenüber treten. Einer Antwort, da ich in mir eine „Echtheit“ und Wahrheit in der Bewegung erlebte, die so viel mehr umfasst und ausdrücken kann als allein mein subjektives Gefühl. Einem Rätsel, weil ich den Eindruck hatte, alles, was mir hier begegnet, sehr gut zu kennen und es gleichzeitig noch nicht zu kennen. Vertraut und doch fremd, weil unermesslich groß erschien mir die Eurythmie.

Eurythmie ist eine noch junge Kunst, eine Bewegungskunst, die erst seit 1912 existent ist, mit großen Möglichkeiten für die Weiterentwicklung in die Zukunft hinein. Das Instrument ist der Tänzer selber, der ganze Mensch, mit Körper, Seele und Geist. Die kulturellen Ahnen sind in der griechischen Kultur zu finden, auch in der ägyptischen. Den Bezug dazu stellte Rudolf Steiner (1861 - 1925), der Begründer der Anthroposophie (anthropos – Mensch, sophia – Weisheit), gleich zu Beginn ihrer Entwicklung her: „…dass wir in der Eurythmie dasjenige erneuern, was in den uralten Mysterien Tempeltanz war: die Nachahmung des Sternenreigens, die Nachahmung desjenigen, was durch Götter vom Himmel herunter gesprochen wurde.“ *

Somit ist die Eurythmie zwar einerseits gegründet auf uralter Weisheit der Mysterienkunst, andererseits ist sie durch ihre in ihr selber sich befindende Spiritualität und Menschenerkenntnis ein hochmoderner Weg für den bewusst lebenden Menschen des 21. Jahrhunderts. Die „Geburtsjahre“ der Eurythmie waren eine leuchtende Zeit. Inmitten der Umbrüche und Nöte des letzten Jahrhunderts erblühten die Künste. Neue Wege wurden von den Pionieren, die ihr Leben der Kunst widmeten, enthusiastisch beschritten.

Heute sehen sich die jungen Eurythmisten in der vierten Generation wieder in entscheidenden Auseinandersetzungen: Wie will sich die Eurythmie weiter entwickeln? Letztlich ist die Antwort auf diese Frage nicht eine einheitliche, allgemeingültige, sondern jeder, der Eurythmie macht, trägt zur Antwort bei. Eurythmie ist der Logos, das sprechende Wort meiner sprechenden Seele, der Tanz zwischen Himmel und Erde, vermittelnd… Kann man ein Gedicht oder eine schöne Musik, Beethoven oder Arvo Pärt „tanzen“? In Eurythmie ist das möglich. Natürlich muss das Kunstwerk dem Künstler zunächst vertraut werden. Seine Gesetzmäßigkeiten, seine Farben und Temperamente müssen erforscht und in eine adäquate „Form“ gebracht werden, damit es sprechen oder singen kann…

Es ist eine der schönsten Tätigkeiten, zu üben und entstehen zu sehen, was mit mir als individuellem Menschen zutiefst zusammenhängt. Denn jeder Eurythmisierende, sei er alt oder jung, kann etwas von den „ewigen“ Gesetzen der Eurythmie – objektiv, und doch einzigartig – zur Erscheinung bringen. Dabei kann er erleben, wie getragen und durchatmet man von einem warmen Lebensstrom, einem größeren Ganzen ist: „Der Mensch als das schönste und vollendetste Werk Gottes, als sein Ebenbild und als eine Welt im Kleinen, hat einen vollkommeneren und harmonischeren Körperbau als alle übrigen Geschöpfe und enthält alle Zahlen, Maße und Gewichte, Bewegungen und Elemente, kurz alles, was zu seiner Vollendung gehört, in sich, und alles gelangt in ihm als dem erhabensten Meisterwerke zu einer Vollkommenheit, wie die übrigen zusammengesetzten Körper sie nicht besitzen,“ so Agrippa von Nettesheim (1486 - 1535)**. Agrippa von Nettesheim hat den Menschen in sechs Positionen dargestellt, die für die eurythmische Bewegung von Bedeutung sind. Formen, die sich beim Übenden ganz leise metamorphosieren, das heißt von Stellung zu Stellung verändern. Sie bewirken eine wache und doch meditative Haltung und Stimmung, sind ein guter Einstieg in die Eurythmiestunde und auch eine heilsame Übung, um die Seele zu harmonisieren. So erlebt man in dem umfassenden „Wesen“ der Eurythmie, dass nicht nur ein „A“ oder „B“, ein Ton „C“ oder „D“ tief Menschliches ausdrückt, sondern dass jede Bewegung – von Laut zu Laut, von Ton zu Ton – im Zwischenraum, von großer Bedeutung ist. Rudolf Steiner sagt zur „Technik“ der Eurythmie: „… wie sozusagen eurythmische Technik in Liebe zur Eurythmie eigentlich erworben werden soll, wie alles aus der Liebe heraus kommen soll.“*

Auch in der therapeutischen Eurythmie – der Heileurythmie – die außer in Kliniken und Waldorfschulen auch in freien Praxen angewendet wird, steht der individuelle Mensch im Mittelpunkt. Ergreift der Patient die Übung, die er durch den Therapeuten kennenlernt und immer eigenständiger übt, kann sich eine Wendung oder Stärkung, eine neue Sicht auf das Leben ergeben. Die Erkrankung oder das „Problem“ fragt nach Sinnhaftigkeit und nach einer authentischen, integrativen Behandlung. „Wie Phönix aus der Asche“ kann der Heileurythmie-Übende aufsteigen und Mut gewinnen für den nächsten Schritt. Die Behandlung bezieht den ganzen Menschen, seine Konstitution und Situation mit ein. Therapeutisch werden die Übungen einerseits prophylaktisch angewendet, andererseits auch bei bereits bestehenden Erkrankungen. Wiederholungen, Rhythmen und kleine Pausen zwischen den Bewegungen verstärken die Wirkung. Auch wenn ein Patient liegen muss, kann die Heileurythmie hilfreich sein. Bewegungen müssen nicht immer groß sein, um etwas zu bewirken.

Die Kenntnis der 12 Sinne vermittelt einen ersten wichtigen Eindruck vom Patienten. Sie hilft bei der Wahl der passenden Übungen. Es geht zunächst um die vier „leiborientierten Sinne“: der Tastsinn, der Lebenssinn, der Bewegungssinn sowie der Gleichgewichtssinn. Durch sie drückt sich ein gesundes, im „Rhythmus der Balance“ gelebtes Leben zwischen Innen und Außen, zwischen Tag und Nacht, lebendig atmend aus.

Rudolf Steiner hat viele Berufe zu Beginn des letzten Jahrhunderts erneuert, umfassend erweitert und belebt durch die Erkenntnisse des Geistigen. Seine feinen Einsichten in die Zusammenhänge des Lebens kann jeder Mensch heute selber suchen und in sich finden. Als Bewegungskunst, die das Kosmisch-Lebendige stets zu neuem Leben erweckt, erfrischt die Eurythmie sozusagen „aus der Zukunft heraus“, denn ihr Reich ist sprudelnd wie ein Quell. Die Eurythmie ist eine christliche Kunst, eine Menschen verbindende und den Menschen im Inneren stärkende Kraft.

* Rudolf Steiner, „Eurythmie als sichtbare Sprache”

** Agrippa von Nettesheim, aus „De occulta Philosophia Libri Tres – 1533“

*** Rudolf Steiner, „Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie-Heileurythmie”