Ayurvedische Massage

Autorin: Uschi C. Brunner ist „Pädagogin für Yoga, Ayurveda und Psychosomatische Gesundheitsbildung“. Sie beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Ayurveda Yoga und der Ayurvedischen Massage und leitet in München das Studio für Ayurveda Yoga und das Fortbildungsinstitut für ganzheitliche Gesundheit, Ayurveda & Yoga
www.ayurveda-yoga-brunner.de


Literatur zum Thema

Ausgabe IIV/2010

Die Ayurvedische Massage:

Elemente, Eigenschaften & Marmas

Ayurveda ist eine altindische Medizinlehre, welche auf 1800 v. Chr. zurückgeht. Das ayurvedische Wissen vom ganzheitlichen Leben hat verschiedene Wurzeln in unserer deutschen Kultur geschlagen; ganz besonders aber die „Ayurvedische Massage“. Eines der Hauptelemente dieser Massage ist das sensitive Spüren für das „So-Sein“ der Person, die zur Massage kommt: Welche Eigenschaften bringt die Person mit in die Massage? Ist da eher Ruhe oder Stress zu spüren, Kälte oder Wärme, Schwere oder Leichtigkeit, Trockenheit oder Öliges, Weiches oder Raues..... Die Beschreibung der elementaren Eigenschaften könnte sich ergiebig fortsetzen.

Das Wahrnehmen dieser Eigenschaften ist Voraussetzung für die „Diagnose“. Die Wahl des Massageöls sollte zu der Person passen: Ist die Hautstruktur zum Beispiel eher zart, würde man ein dünnflüssigeres Öl wählen. Ist der Person eher kühl auf der Haut, dann kann ein leicht wärmendes Öl wie „Sesamöl“ zur Massage verwendet werden; ist es Sommer und der Person ist von Außen und Innen her sehr warm, so könnte ein kühlendes Kokosöl verwendet werden.

Die Druckstärke der Massage hat auch eine Entsprechung zu den elementaren Eigenschaften der Person: Dünnhäutige Menschen vertragen wenig Druck und brauchen oft „etwas Struktur“ durch die Massagelinien (bei zuviel Vata – Raum und Luft). Personen, die innerlich sehr aktiv sind und unter Druck stehen, benötigen oft etwas Zeit um abschalten zu können und um das Genießen zuzulassen; sie schätzen das Gefühl der „Kompetenz“ in der Massage, klare und sichere Vorstellungen für den Massageverlauf (bei zuviel Pitta – Feuer und Wasser). Gut genährte Personen, die innerlich viel Zeit und Ruhe haben, bringen oft Schwere mit und lieben das Anregende, kreative Element in der Massage, das Struktur-Auflösende und In-Schwung-Bringende; oft mögen diese guten Druck (bei zuviel Kapha – Wasser und Erde).

Diese Entsprechungen in der sinnlichen Variante im Umfeld der Massage kann ganz nach den gewählten Elementen stimmig sein: Der Geruch, die Farben, die Materialien, die Atmosphäre. Auf diese Weise versucht die massierende Person die überbetonten elementaren Eigenschaften auszugleichen, ihnen gegenzusteuern und sie zu harmonisieren: bei einer Wellness-Massage eher intuitiv, bei einer therapeutischen Massage bewusst und zielgerichtet. Dieser Teil der ayurvedischen Massage geht mit seinem Energiemodell von den fünf Elementen, den Doshas „Vata”, „Pitta” und „Kapha“ sowie den 20 Gunas (Eigenschaften), den sieben Dhatus (Gewebeformen) und dem Stoffwechselprinzip „Agni“ auf den traditionellen Ayurveda und den Ayurveda-Arzt „Caraka“ (ca. 1. Jhd. v. Chr.) zurück.

Die Lehre der Marmas

Eine Besonderheit in der Ayurvedischen Massage ist die Lehre der „Marmas”. Unter Marmas versteht man wichtige, vitale Stellen im Körper, die ganzheitliche Funktionen überwachen. Insgesamt kennt man im Ayurveda 107 dieser psycho-somatischen Nahtstellen. Der Altvater der chirurgischen Richtung des Ayurveda, Susruta (ca. 1. Jhd. n. Chr.), hat die Marma-Lehre entwickelt und in seiner „Salya-Tantra” festgehalten. Marmas können bei guter Funktion volles Leben und die Fülle des Erlebens ermöglichen. Wenn sie verletzt werden oder deformieren, zeigt sich dies auch in ihren zentralen und vitalen, körperlich-geistig-psychisch-emotionalen Funktionen. Auch das persönliche Bewusstsein eines Menschen, sein Wach- und Schlafbewusstsein, sein persönliches Wahrnehmen und Erleben kann durch die Deformierung oder den Ausfall der Marmas verändert werden und umgekehrt. In der Ayurvedischen Massage geht es darum, die Marmas möglichst vital zu halten; ihre Funktionsfähigkeit soll erhalten, regeneriert und von Blockaden befreit werden.
Zu der Entstehung der Marmas gibt es in Indien mehrere Legenden, von denen ich die folgende erzählen möchte:

Legende von Sati & Shiva

Shiva ist der Schwiegersohn von Daksha. Er gehört zu der indischen Götter-Triologie „Brahma, Vish nu, Shiva” und symbolisiert den „Zerstörer”. Daksha hat eine Menge Töchter zu vergeben: Siebenundzwanzig heiratet der Mond, dreizehn andere der „Schildkrötenmann Kasch - yapa”. Seine jüngste Tochter, Sati, wird Shivas Frau. Daksha richtet ein großes Fest aus, zu dem er alle Götter und Heiligen einlädt. Allein Shiva, seinen Schwiegersohn, lädt er nicht ein, da er aus niedriger Kaste ist. Sati nimmt sich die Kränkung ihres Mannes durch ihren Vater so zu Herzen, dass sie, um diesen dafür zu strafen und mit Schuld zu beladen, in den Tod geht. Als Shiva vom Tod seiner Frau erfährt, ist er außer sich vor Schmerz. Er nimmt die tote Frau auf seinen Rücken und geht mit ihr durch die Welt. So vernachlässigt er alles und die Welt gerät dabei langsam in Unordnung. Brahman, der Schöpfergott, und Vishnu, der Erhaltergott, wollen dem Einhalt gebieten. Sie zerschneiden heimlich den Leib Satis und vergraben die Stücke an verschiedenen Stellen im ganzen Land. Diese begrabenen Teile von Sati werden nun zu Orten der Pilgerschaft – Orte, an denen die Sehnsucht in das Herz des Menschen wiederkehrt.

Diese „Todesstellen” sind die Marmas. Die Marmas bringen die Erinnerung zurück. Wenn man sich erinnert, kann man neu zum Leben kommen, alle Grenzen sind an diesen Stellen zu Fall gebracht. Insgesamt 107 solcher Orte der Pilgerschaft – „sakta pitha” – gibt es in Indien. Es sind Stellen, an denen die Sehnsucht bleibt, Orte der Erinnerung an das, was hier geschehen ist. Der Mensch erfährt die Welt. Sie darf für ihn aber nicht in der Erinnerung an das Totmachende verhaftet sein, sonst ist er nicht innerhalb der Realität. Im Ayurveda und im Yoga wird versucht, die einzelnen Marmas neu miteinander zu verbinden, so dass neues Leben erweckt wird und wieder lebendig erfahren werden kann – in seiner Ganzheit, in seiner Lebensfülle.

Marmastellen müssen nicht schmerzhaft sein, sie sind jedoch sensibel und druckempfindlich. Sie beginnen erst dann zu schmerzen, wenn die innere, ganzheitliche Funktion nicht mehr im Gleichgewicht ist. Ein über die Massage hinausgehendes Ziel ist es, zu verstehen, was aus dem Gleichgewicht gekommen ist und warum, um durch rechte Handlung wieder die innere Ordnung herzustellen. 96 von den 107 Marmas sind paarweise angelegt und man unterscheidet die Marmas in den Gewebestrukturen der Gelenke, Muskeln, Sehnen, Knochen und Blutgefäßen und Nadi-Marmas. Die Marmas sind jene Stellen des Körpers, an denen man erfahren kann, ob der Zusammenhalt des Körpers hergestellt ist.

Die Ayurvedische Massage spricht die Marmas gezielt an und die Art, wie in diesem Bereich massiert wird, kann dem Körper an diesen hochsensiblen Stellen sehr schnell eine klare Botschaft vermittelt werden, zum Beispiel: mehr Stabilität, Entlastung der Arbeitsmuskulatur, Entspannung des Kreislaufs, Unterstützung der Atemhilfsmuskulatur – oder eine schnelle Hinführung zu einer wunderbar wohltuenden „Wellness-Massage“.

© Uschi Brunner, Heike Wicklein & Kösel Verlag, München. "Die Kunst der Ayurvedischen Massage"
(5. Auflage, 2006)